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Mittwoch, 22. März 2006

Menschenopfer

Eigentlich ist die Opferung eines Mitglieds einer Sippe ein Nachteil aus der Sicht des Überlebens der Sippe, dennoch wurde es praktiziert. Warum?


Die Opferung eines Mitglieds einer Gemeinschaft scheint eigentlich ein Nachteil beim Kampf ums Überleben zu sein.

Alles, was geschieht, was nicht der Mensch macht, geschieht durch Gott. Daher wird auch der Tod (selten ein natürlicher Tod, meist Jagdunfälle, Tierangriffe, Kälte, Hitze usw.) durch Gott bewirkt; es sind unabwendbare Ereignisse, keine Zufälle.

Der Grund für den Tod eines Sippenmitglieds wird nicht in dessen Schwäche oder dessen Krankheit gesehen sondern geschieht durch Gott, weil alle Dinge, die geschehen, die man nicht selbst macht, eben durch Gott geschehen.

Der Mensch nimmt daher an, dass Todesfälle durch Gott bewirkt werden und jetzt meint er, dass er dessen unabwendbares Tun vorwegnehmen könnte, indem er ausgewählte Mitglieder der Sippe opfert; er nimmt ihm sozusagen "Arbeit" ab. Es geschieht ohnehin, dass Menschen sterben. Man kann es nicht verhindern. Man kann aber die Reihenfolge des Sterbens festlegen und erlangt dadurch einen Vorteil.

Wir sagen heute: um die Götter milde zu stimmen. Ich denke, der Mensch glaubte an einen Vorteil, weil er praktischerweise alte und schwache Mitglieder geopfert hat und damit meinte er, dem ohnehin zu erwartenden göttlichen Tun durch sein Opfer zuvorzukommen und die wertvollen aktiven Mitglieder der Gruppe zu schützen.

Ein Qualitätsvorteil.

Es war daher vielleicht gar kein Nachteil für die Gruppe, weil man ja Alte und Kranke durchbringen muss. Wenn man sie aber opfert, hat die Gruppe gleich zwei Vorteile: sie spart Nahrungsmittel und sie nimmt Unabwendbares vorweg indem sie den wertvollen, kräftigen Mitgliedern das Überleben ermöglicht.

Es handelt sich daher keineswegs um Mord, sondern um das Wahren der Vorteile für die Gruppe.

Es gibt aber eine bessere Interpretation der Menschenopfer in indianischen Kulturen, denn der Umstand, dass die Besten (Jüngsten) geopfert wurden, kann man zwar als besondere Verehrung Gottes verstehen, der Gottesbezug wurde aber wahrscheinlich benutzt, um dem Volk die Notwendigkeit glaubhaft zu machen.

Der wahre Grund könnte aber gewesen sein, dass man sich gegen eine zu starke Bevölkerungszunahme nicht anders helfen konnte. 

Die christliche Religion hat das cleverer durch Klostergründungen gelöst und ebenso, wie die archaischen Religionen der Indianer durch einen Gottesbezug für die Betroffenen erträglicher gemacht.