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Donnerstag, 27. April 2006

Gott würfelt

Es gibt wenige Theorien, die so widerspruchsfrei und anerkannt sind wie die Evolutionstheorie. Es gibt - sofern die Fachleuten nicht irren - kein Phänomen der biologischen und kulturellen Evolution, das nicht mit Mitteln der Evolutionstheorie erklärbar wäre. Sie ist Gegenstand universitärer Ausbildung und wird von Biologen nicht in Frage gestellt. (Mit religiösen Motiven argumentierende amerikanische Exoten einmal ausgenommen.)


Ich habe zum Beispiel das Buch von Rupert Riedl "Strategie der Genesis" studiert und da man sich ja bekanntlich nicht mit allem beschäftigen kann, nehme ich daher diese Forschungsrichtung als unbestritten an. Rupert Riedl

Das Interessante an der ganzen Sache ist für mich der Zufall an sich. Er ist eine Grüße, die Macht und Ohnmacht einer eventuellen Schöpfung gleichzeitig in sich trägt. Macht, weil in zufälligen Ereignissen (anders als in regelmäßigen und daher vorhersagbaren) ein bis zu extrem hoher Informationsgehalt liegt. Der Informationsgehalt zufälliger Ereignisse und chaotischer Systeme ist so groß, dass sie die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen weit übersteigen. Der Mensch kann sich in chaotischen Systemen nicht zurechtfinden. Er orientiert sich an Ordnungen, er errichtet sich selbst auch eine geordnete Welt, um mit der verfügbaren Kapazität seines Gehirns zurechtzukommen. Er meint daher auch fallweise, dass in der bestehenden Ordnung auch Gott erkannt werden kann, er kann es sich einfach nicht anders vorstellen. Jemand, der eine so große Ordnung herstellen kann, muss etwas Besonderes sein, Gott eben. Dabei haben Tiere praktisch dasselbe Problem wie der Mensch und haben noch dazu eine geringere Gehirnleistung. Das Gegenmittel, das Tiere verwenden sind daher einfachere geometrische, farbliche Strukturen, sofern es um optische Erkennung geht (Bunte Vögel, Fische..., markante Laute).

Alle menschlichen Strukturen (außer Glücksspiele und Kriege) werden so errichtet, dass gefährliche Zufälle möglichst vermieden werden, ohne sie allerdings wirklich ausschließen zu können. Wäre unsere Welt daher tatsächlich fehlerfrei (frei von störenden Zufällen), gäbe es keinerlei Entwicklung (und bis zu diesem Punkt, dass sich das jemand überlegen kann, wäre es auch gar nicht gekommen).

Die Ohnmacht der Schöpfung ist, dass nichts was hier in dieser Welt geschieht einen unmittelbaren Grund hat, den man mit "Gottes Wille" bezeichnen kann. Gott (wenn er denn existiert) weiß also nicht, was eigentlich passieren wird, er hat ja einen mächtigen Gehilfen. 

Die Ohnmacht besteht darin, dass alle Elemente nach dem Urknall, wie immer sie sich weiterentwickeln sollten, diesen Weg allein auf sich gestellt zurücklegen. Der Zufall bestimmte die Anordnung gigantischer Wasserstoffwolken, die sich später unter der Wirkung der Gravitation zu Sternen und Sternhaufen verdichteten und eben auch allen anderen Strukturen, die wir heute kennen.

Die Macht der Schöpfung ist aber der Zufall selbst. Jede auch noch so kleine Struktur (Quark - Atom - Molekül) ist in gewisser Weise autark, seine Existenz bewirkt Raum, den es gegen andere Strukturen behaupten muss. Gravitation (=Raumkrümmung durch die Massen) bewirkt eine Zusammenballung in jenen Bereichen, die zufällig etwas mehr der Atome enthält. (ähnlich wie der Roboter-Versuch des kehrenden Roboters, der mit einem ganz einfachen Algorithmus ausgerüstet, es schafft, ohne weitere Anweisung alle Abfälle in einem abgeschlossenen Areal auf einen großen Haufen zu schaufeln.) Zufällig sind die Atome deshalb angeordnet, weil eben "niemand" hinter ihnen steht. Sie sind einfach irgendwo. Kleinste Unregelmäßigkeiten genügen, Konzentrationen zu erzeugen, weil die Gravitation diese sogleich verstärkt.

Man kann zeigen, dass eine regelmäßige Anordnung der Urbausteine unser Universum gar nicht hervorbringen kann; dieses kann nur durch Chaos entstehen, denn dadurch können sich höherwertige Strukturen bilden. Jede noch so kleine Asymmetrie in einer ursprünglichen Anordnung (Urknall) muss dazu führen, dass manche Teilchen aus der Reihe tanzen und dadurch zu verschiedenartigen Konzentrationen führen.

Die meisten Objekte dieser Welt haben daher in ihrer räumlichen und zeitlichen Relation miteinander nichts zu tun, sind unkorreliert. Sie haben keinen "Bewacher", der ihr Schicksal steuert. Dieser "Jemand" müsste ja, wenn er ein bestimmtes Zusammentreffen "arrangieren" wollte, gegebene physikalische Gesetze ausschalten. Genau genommen hängen natürlich alle Objekte über den Zeitursprung zusammen, doch auch über weniger lange Zeiträume wird man quasi Unabhängigkeit dieser Objekte im Sinne einer Korrelliertheit der Bewegung annehmen können.

Der Zufall haftet also nicht nur den kleinsten Teilchen (Atomzerfall, "Gott würfelt nicht") an, sondern auch in allen makroskopischen Objekten an. Siehe Beispiel von "Schrödingers Katze".

Lessing hat einmal gesagt, dass es keinen Zufall gäbe. Was wir meinen, dass Zufall ist, wäre Gottes Wirken.

Eigentlich müsste man diesen Satz ablehnen. Anderseits gibt es aber - zumindest für mich - keinen Widerspruch zwischen einem nicht näher definierten "Gott" und der Aussage, etwas geschehe zufällig. 

Eine aktuelle Situation zweier Objekte (Passant, Dachziegel) könnte rein theoretisch bis an den Ursprung aller Zeiten zurückverfolgt werden, und begründen, warum der Dachziegel den Passanten tritt; wegen des Schmetterlingseffekts ist das aber in der Gegenrichtung (in die Zukunft) nicht möglich. Das ist derselbe Effekt, der in Urzeiten auch bei kleinsten Störungen beobachtbar gewesen sein muss.

Ich neige daher derzeit zu der Ansicht, dass Einsteins Ausspruch eigentlich heißen müsste "Gott würfelt".