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Freitag, 21. April 2006

Harmonie oder Chaos

Christen - oder besser die Fundamentalisten und ihnen - glauben, dass wegen der sichtbaren Harmonien in der Welt es zwingend ist, dass es Gott gibt. Man kann aber auch der genau gegenteiligen Ansicht sein.


Ich erinnere mich noch gut an meinen Religionsunterricht in dem Sätze fielen wie "Es gibt Blumen, also gibt es Gott... uvam.". Schon als Schüler der damaligen Unterstufe konnte ich dieser Logik nicht folgen obwohl mir keineswegs klar war, wie eine Rose entsteht.

Gläubige Menschen sehen in der Schönheit und Zweckmäßigkeit der Natur Absicht und Schöpfung.

Dinge, die man nicht versteht, muss man glauben.

Genaugenommen ist aber jede Regelmäßigkeit in der Welt eine Reduktion der Vielfalt des Chaos. Eine total chaotische Umgebung könnten wir nicht begreifen, weil sie zu komplex ist. Und das, was wir wahrnehmen: Erde, Himmel, Sterne, Natur... ist keineswegs nur chaotisch. Es ist eine Mischung aus geregelten und ungeregelten Bestandteilen.

Wegen der Wiederholung einzelner Elemente sind wir überhaupt erst in der Lage, sie zu benennen, zu erkennen und wieder zu erkennen. Wie oft muss ein archaischer Mensch den Sonnenauf- und untergang beobachtet haben, bis ihm die Gesetzmäßigkeit klar wurde.

Beobachten wir selbst, wie wir unsere Umwelt gestalten: eine Wohnung, eine Stadt, einen Park: Baukästchenwelten mit großer Wiederholungsrate der einzelnen Elemente Einrichtungsgegenstände, Häuser, Beete, Alleen. Nur in dieser einfachen Form finden wir uns mit dem minimalsten Orientierungsaufwand in der Welt zurecht und verirren uns nicht - wie Hänsel und Gretel - im Wald.

Wir reduzieren den Aufwand der Orientierung indem wir den Informationsgehalt der Umgebung reduzieren.

Und genau diese regelmäßige Welt empfinden wir als ästhetisch und erkennen darin das Wirken Gottes. Ein von unsichtbarer Hand geschaffenes Wunder, dessen Werkzeug wir selber sind.

Umgekehrt erhöhen wir aber auch ständig die Komplexität unserer technischen Welt und wieder entgleitet uns das Verständnis dafür. Wir benutzen zwar Handys, Eisenbahnen, das Fernsehen. Kaum jemand, der aber diese Technologien wirklich versteht.

Wie sehr sind wir also vom mittelalterlichen Menschen entfernt, der die Dinge der Welt einfach als gottgeschaffen glaubte? Auch wir müssen unsere eigene Schöpfung mangels tieferen Verständnisses einfach glauben. Ein Glaube an den Gott Fortschritt.

Unverständlich aber ist, warum wir Gottes Werkzeug nicht sehen und glauben, dass es unveränderlich geschaffen wurde, wo es doch permanent neu entsteht, wenn auch mit einer für Menschen nicht vorstellbarer Langsamkeit. Daher scheint es uns statisch.

Wer kennt nicht die romantischen Schilderungen romantischer Wälder, friedlicher Wiesen mit fröhlichem Vogelgezwitscher? Was daran ist wahr? Nichts! Dieses scheinbar friedliche Nebeneinander ist in Wirklichkeit reines Kampfgebiet um Licht, Luft, Partner, Überleben.

Wer letztlich überlebt und damit die Entwicklungsrichtungen bestimmt, entscheidet der Zufall. Er erscheint unbarmherzig und gütig zugleicht, je nach Standpunkt und ist letztlich wertfrei, er ist einfach da. Er übt eine ungeheure Macht aus, gegen die man sich nur durch seine Eliminierung entziehen kann.Wenn man es aber tut, verschwindet jede Entwicklung. Entwicklung ist nur durch das Wirken des Zufalls möglich.

Die moderne Quantenphysik zeigt uns, dass alles, was wir uns vorstellen können, eine überaus reduzierte Version der tatsächlichen kosmischen Ordnung ist. Dass es diese Ordnung geben muss, können Menschen berechnen. Wenn wir zu dem Schöpfer dieser Ordnung Gott sagen, wird und klar, wie unendlich großartig er sein muss, wenn er diesen Kosmos erschaffen hat. Und wie fast blind wir durch seine Schöpfung gehen, weil wir fast nichts begreifen. Der mittelalterliche Mensch und wir modernen Menschen unterscheiden uns in der Skalierung der Schöpfung nur minimal. Was uns komplex erscheint, ist trivial im Licht des Kosmos. Und vielleicht haben wir noch Jahrtausende Zeit, das System oder Gott zu erkennen, trotzdem werden wir dem Schöpfungsprinzip nicht nahe kommen. Was also bleibt ist der religiöse Glaube. Die Bereitschaft zum Glauben ist vielleicht wirklich ein notwendiger Instinkt, den wir mitbekommen haben, um wenigstens erahnen zu können, dass es da etwas gibt, das über unseren Kosmos "wacht".