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Dienstag, 18. April 2006

Kirche und Macht

Die Kirche hat eine sonderbare Position zur Macht. Sie weiß oft nicht, wo sie hingehört: zum König oder zum Bettler. Leider haben die Rücksichten auf die römischen Machthaber bei der Kirchengründung mitgespielt und daher wissen wir nicht mehr recht, was Jesus dazu gesagt hätte oder vielleicht gesagt hat.


Das Neue Testament bezieht erstaunlich wenig Position zur Staatsmacht. Zwar muss Jesus alle Ungerechtigkeiten einer Staatsmacht, repräsentiert durch den römischen Militärstaat, erdulden, er setzt sich aber eigentlich nicht kritisch mit der Beziehung zwischen Staat und Bürger auseinander. Alles, was dazu zu lesen ist, ist der Satz "Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist." Das heißt daher, man muss dem gerechten Anspruch des jeweiligen Herrschers entsprechen und hätte darüber keine Kritik zu üben. Eine Legitimation für Schurken und deren Staaten.

Die christliche Religion liefert eine Fülle von Hinweisen für das Zusammenleben der Menschen aber wenige bis gar keine Hinweise für eine Ethik der Macht. Da sie in ihren Ursprüngen den Reichtum eher ächtet (siehe Kamel und Nadelöhr) als begrüßt, ist die Wandlung der Kirche von einer Kirche der Unterschichten hin zu eine Kirche der wohlhabenden Schichten sehr bemerkenswert.

Beispiel 1: Johannes Paul II rügt einen lateinamerikanischen Bischof ob seiner kritischen Haltung gegenüber der Staatsmacht.

Beispiel 2: Sonderbarer Weise ist die Kirche auf Seiten christlich sozialer Parteien, die in ihren Kernwählerschichten eher das besitzende Bürgertum vertreten. Zu sozialistischen oder gar kommunistischen Parteien geht die Kirche auf Distanz, obwohl ihr diese den ursprünglichen Idealen der Kirche viel eher entsprechen. Die Ursprünge dieser Ungereimtheit geht weit in das Mittelalter zurück als die Macht des Papstes gegenüber der Macht des Königs stand aber der Papst durch abnehmende weltliche Macht, durch die königliche Macht gestützt wurde. Diese Wechselbeziehung blieb bestehen und führt schließlich zu sonderbaren Szenen wie dem Segnen der jeweils eigenen Kanonen durch die jeweilige Kirche und setzt sich fort in einer Art Symbiose zwischen weltlichen und geistlichen Machtträgern zum Zwecke des Beherrschens des abhängigen Volkes.

Der Grund für alle diese Ungereimtheiten liegt schon in der Gründung der Religion. Die ursprüngliche Vision dürfte wirklich "Hoffnung für Hoffnungslose" gewesen sein, die den Urchristen ihre Stärke im Widerstand gegeben hat. Die spätere Stärke der christlichen Bewegung aber war die Organisation der Religion, die eine starke Hierarchie mit Machtanspruch entwickelt hat. Damit man diese Macht auch innerhalb eines mächtigen Reiches etablieren und ausüben konnte, musste es neutral gegenüber der aktuellen Macht des römischen Kaiserhauses sein und durfte dessen Machtansprüche in keiner Weise tangieren. Es entstand eine Parallelwelt, die sich in der Dualität zwischen weltlicher Macht des Kaisers und der religiösen Macht des jeweiligen Patriarchen, später Papstes entwickelte.

Vielleicht liegt ja in diesem Modell der dualen Macht der Grundstein zu dem beginnenden Parteiensystems im 19. Jahrhundert und der demokratischen Regierungsform der Jetztzeit.

Aber was eben bemerkenswert ist am Neuen Testament, ist das Fehlen von Stellungnahmen gegenüber der damaligen Machtverteilung. Wenn auch die Menschen für eine Neuerung der Beziehungen reift waren, so wären auch kritische Auseinandersetzungen mit dem Herrschaftsmodellen interessant gewesen.

Aber vielleicht hat sich ja Jesus von Nazareth durchaus mit solchen Themen beschäftigt aber wer weiß, wie viele Abschnitte des Neuen Testaments späteren Zensuren zum Opfer fielen?

Außerdem muss man ja einer werdenden Organisation, die auf einem erfolgreichen Konzept beruht, auch unterstellen, dass sie ihre Handlungen im Hinblick auf ihren Bestand in dem aktuellen System ausrichten muss. Das aktuell herrschende System war ein Gottkaisertum, das nur dann die emporkommende Macht akzeptieren konnte, wenn sich diese Macht in Bereichen bewegte, die seinen Machtanspruch nicht in Frage stellte. Alle religiösen Thesen mussten daher Machtfragen ausklammern. Das neue Testament schmeichelt eigentlich der brutalen Herrschaft durch die Römer, indem die Verurteilung von Jesus von Nazareth weniger dem römischen Stadthalter als der jüdische Gemeinde angelastet wurde. Der Text suggeriert fast, dass die Römer eigentlich nur ein übliches Strafritual ausführen, zu dem sie gewissermaßen beauftragt wurden, sonst aber "ihre Hände in Unschuld wuschen", ein Text, bei dem man sich vorstellen kann, dass auch ein römischer Kaiser ihn genehmigen könnte.

Da Urschriften der Evangelien nicht existieren und die ältesten bekanntesten Versionen allesamt Abschriften jeweils älterer Texte oder dramatisierte Fassungen mündlich tradierter Legenden sind, kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Texte in wichtigen, die Herrschaft der Römer betreffenden Punkten, redigiert wurden. Mehr durch Weglassung als durch Verfälschung. Denn weggelassen wurde sicher einiges. Es geht um eine Gruppe von 13 Personen, deren existenzielle Basis nicht irgendwie dokumentiert ist. Zwar sind Berufe einzelner Jünger bekannt, es ist aber nur aufgezeichnet worden, dass sie zusammen mit Jesus von Nazareth durchs Land gezogen sind. Wovon haben sie gelebt? Wer waren ihre Familien? Waren das lauter Aussteiger? Was müsste man von Männern halten, die ihre Familien zurücklassen, um mit einem Rabbi zu leben?

Kurz: die geschilderte Geschichte ist nicht vollständig. Es sind nur jene Szenen dargestellt, die dem Autor wichtig erschienen sind. Wie überhaupt ist die Geschichte in die Hände der Autoren gelangt? Wahrscheinlich waren ja alle Jünger inklusive Jesus der Schrift unkundig und daher auf Palaver angewiesen. Die meisten Geschichten mussten daher in diesem Zeiten durch mehr oder weniger begabte Erzähler weitergegeben werden. Das Gedächtnis war zu viel höherer Leistung trainiert als das heute der Fall ist.

Auch noch im Hochmittelalter wird von Minnesängern berichtet, die alle ihre Texte auswendig wiedergegeben haben und keine Aufzeichnungen führten.

Daher wurden Begebenheiten durch begabte Informationsvermittler weitergereicht, verziert, vereinfacht und durch konkrete Dialoge lebendig gestaltet.

Wer aber könnte heute eine Begebenheit von vor 50 oder gar 100 Jahren besser als sinngemäß weitergeben? Filme sind ein gutes Beispiel für eine moderne Form der konkretisierten, allgemein verständlichen Darstellung einer wichtigen historischen Begebenheit. Und auch an den Filmen kann man gleich erkennen, dass die konkret gesprochenen Texte eigentlich Botschaften des jeweiligen Drehbuchautors aus der Sicht der Jetztzeit sind, übertragen auf das historische Ereignis.

Den Autoren der Evangelien wird es nicht viel anders ergangen sein. Die Story war bekannt, in welcher Detailfreude, das wissen wir nicht. Was die Evangelisten an illustrativen Texten einfließen ließen, um die Geschichte lebendig zu machen, das wissen wir. Dass man aber diese Schriften von der Kirche als "Heilige", unumstößliche Wahrheiten, Glaubensinhalte vorgibt, ist etwas sonderbar, sind es doch nur Erzählungen.

Sonderbar auch, dass nicht alle damals verfügbaren Schriften zu dem Kanon der Heiligen Schriften gezählt wurden sondern eben nur ausgewählte. Wegen des Gleichklangs der einzelnen Evangelien kann man Vermutungen anstellen: wahrscheinlich handelt es sich um nur eine Urschrift, die von Markus, und die anderen Autoren haben seinen Text als Grundlage genommen und nach ihrer Sichtweise dargestellt.

Dass gleich vier Schriften desselben Ereignisses aufgezeichnet sind, noch dazu mit einem hohen Grad an Gleichklang in den Inhalten und über sonstige durchaus wichtige Ereignisse gar keine Aufzeichnungen existieren, ist etwas sonderbar. So, als hätte man alle anderen Darstellungen derselben Sache beseitigt, um die Botschaft möglichst rein zu erfassen und weiterzugeben.