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Dienstag, 18. April 2006

Wir sind ein Produkt des Zufalls

Zufallsereignisse sind nicht vorhersagbar. Gerade darin liegt aber ihre große Stärke

Wir sind ein Produkt des Zufalls

Unser braver Kardinal Schönborn weigert sich, diesen Satz als wahr anzunehmen, zu unwahrscheinlich ist es für ihn, dass etwas so Einmaliges wie es der Mensch ist, auf der Müllhalde der Evolution genau so wie ein Frosch entstanden sein soll.

Die Kirche und die Religionen haben immer schon das Göttlich im Menschen hervorgehoben und das hat auch einen großen Einfluss auf sein Selbstbewusstsein. Verstehen wir uns als unbedeutendes Sandkorn im Universum, sind wir Niemand. Verstehen wir uns aber als Gottes Abbild, dann stehen wir mit dem mächtigsten Prinzip dieser Welt auf einer Stufe.

Wie müssen sich Herrscher in dieser Rolle wohl gefühlt haben, wie beispielsweise Karl V., der gleich neben der Kapelle in seinem Schloss wohnte, immer in dem Gefühl, in der Rangfolge Gott am nächsten zu stehen.

Oder die römischen Kaiser, dem, um ncht ganz abzuheben, ein Sklave bei diversen Huldigungen jeweils ins Ohr zu flüstern hatte, dass auch er, der Kaiser sterblich sei.

Was uns daher unser Kardinal erhalten will, ist unsere Einmaligkeit und Wichtigkeit in dieser Welt auch wenn die Evolutionstheorie und die Astronomie uns das genaue Gegenteil lehren.

Aber gibt es hier wirklich einen Widerspruch?

Zunächst begeht der Kardinal einen wesentlichen Fehler: er begibt sich als Theologe auf ein ihm unbekanntes Wissensgebiet: die Evolutionstheorie.

Grob gesagt, bewirken tatsächlich zufällige Veränderungen neue Formen.

Aber diese vordergründige Erkenntnis, dass der Zufall für die Formenvielfalt sorgt, birgt für den interessierten Beobachter auch gleich wieder ein Problem (und dabei wählen wir als Beispiel nicht den Menschen, sondern etwas viel einfacheres: ein Schloss).

Nehmen wir eine Million Ziegeln und werfen wir sie zufällig hin; auch in Abermillionen von Versuchen wird nicht das Schloss Schönbrunn daraus entstehen. Und doch ist es entstanden.

Genau so könnten wird uns fragen, ob es einmal Menschen mit acht Fingern geben würde, weil das zum Klavierspielen, Autoreparieren und binären Zählen praktischer wäre. DIe richtige Antwort: nein (es sei denn, die Gentechnik könnte dereinst solche Sonderwünsche erfüllen).

Warum diese Beispiele nicht funktionieren, liegt an der unbeschreiblich großen Anzahl von Möglichkeiten, denen der Zufall ausgesetzt ist und aus denen niemals die richtige Lösung gefiltert werden könnte.

Schloss Schönbrunn entsteht ja nicht durch eine zufällige Anordnung von Ziegeln, sondern entstand in einer ganz bestimmten Epoche mit einem ganz bestimmten Baustil und ganz bestimmten Bautechniken und ganz bestimmten finanziellen Vorgaben. Das ist der Rahmen in dem der Zufall spielt. Der Architekt wählt nicht in aus einer unendlichen Anzahl von Möglichkeiten aus, vielmehr engt die aktuelle Bauweise die Anzahl seiner Möglichkeiten dramatisch ein. Und in diesem Rahmen baut er nun. Welches der zahllosen Schlösser seiner Zeit letztlich als typisch für diese Zeit, als das schönste seiner Zeit empfunden wird, bestimmen die Benutzer und Besucher danach.

Wenn man den Evolutionsforschern folgt, ist beim Menschen nur das Gehirn und ein Mittelhandknochen in evolutorischer Bewegung, d.h. Veränderungen dieser Elemente bewirken echte Selektion durch die Umwelt im Nachhinein. Alle anderen Körpermerkmale des Menschen haben auf die spätere Selektion keinen Einfluss. Damit also ein Individuum mit acht Fingern entstehen kann, muss man auf der Evolutionsleiter so weit zurückgehen bis man zu jenem Punkt kommt, an dem sich die Anzahl der Gliedmaßen bildete, vielleicht bis in die Zeit vor dem fünf-strahligen Seestern. Dort ist die Spielwiese jenes Zufalls, der dann schließlich die Zahl 5 für die Anzahl der Fingerglieder festgelegt hat. Warum die Evolution seinerzeit gerade die Zahl fünf begünstigt hat, werden Evolutionsforscher beantworten können. Jedenfalls sehen wir aus diesem Beispiel, dass die Evolution sehr kurzsichtig ist: sie kümmert sich nur um den augenblicklichen Vorteil und kann in keiner Weise in die Zukunft schauen.

Was also Kardinal Schönborn übersehen hat, ist, dass der Zufall der zur späteren Selektion führt sich in einem ganz engen Bereich abspielt. Zufällige Änderungen dieser Größe unterliegen der Selektion in der vorgegebenen Umwelt. Hat sich eine bestimmte Größe bewährt, manifestiert sie sich sehr rasch in der ganzen Art und ist danach nicht mehr veränderbar und wird im Genom abgespeichert. Mit dieser Entscheidung muss ab sofort die Art leben. Später sich ändernde Umweltbedingungen können durchaus dazu führen, dass die getroffene Entscheidung von Nachteil ist, was dazu führt, dass die Art wieder ausstirbt.

Weiters muss man beachten, dass die Evolutionstheorie von Darwin ursprünglich auf die Biosphäre angewendet wurde. Moderne Weiterentwicklungen zeigen aber, dass Evolution uns durch alle Bereiche der Kultur begleitet. Technik, Design, tägliches Leben, Wirtschaft, Sport..., alle diese Bereiche funktionieren letztlich genau so.

Der Mensch erzeugt ein Produkt, eine Idee und plant für diese Idee einen Absatzmarkt, ein Design, einen Verkaufspreis, eine Stückzahl..., alles wo eben Voraussicht nach menschlichem Ermessen möglich ist. Wenn dieser Entwicklungsprozess abgeschlossen ist, wird das Produkt dem Markt zur Bewährung überlassen. Hier, am Markt tritt das Produkt mit anderen ähnlichen Produkten gleichzeitig auf. Der Käufer entscheidet jetzt darüber, welche der verschiedenen Produkte letztlich überleben und welche auf der Strecke bleiben. Oft ist es so, dass gar nicht die geplanten Eigenschaften über das Überleben von Produkten entscheiden, sondern der Verbraucher ganz andere Maßstäbe anlegt als der Produzent gedacht hat.

Der Mensch denkt, und Gott lenkt.

Der Mensch ist im Sinne der modernen Evolution abgeschlossen. Hier tut sich nichts mehr (futuristische Gentechnologien ausgenommen). Dagegen ist ein weiters Feld der Produkte und Märkte eröffnet, welches weniger Blutzoll fordert als die archaische biologische Evolution. Nicht mehr das Individuum wird selektiert wie im Tierreich oder im Wettstreit menschlicher Herrschaftssysteme sodern nur mehr Ideen und Produkte.

Solange Gott jene Größe ist, die als oberstes Gut einer Kultur gilt, muss man damit leben, dass sie in direkter Opposition zu anderen Kulturen mit demselben Anspruch steht. Vielleicht könnten sich ja die Weltreligionen darauf einigen, dass es nicht "unseren Gott" und "euren Gott" sondern nur einen Gott geben kann. Auch bei einer solchen Einsicht, sind die Gottesinterpretationen der Kulturen doch so unterschiedlich, dass keine Übereinkunft zu erwarten ist. Solange daher Gott für eine Kultur der wichtigste Begriff ist, bleibt auch der Krieg als letzte Entscheidung über die Wahrheit bestehen.

Und willst du nicht mein Bruder sein, so hau' ich dir den Schädel ein.

Nur, wenn man aufhört, Gott zu interpretieren, hat man eine Chance, die Unterschiede und die Kriegsgefahr zu verringern.

Man kann sich durchaus darauf einigen, dass Gott ein über allen anderen Begriffen stehendes Prinzip ist. Nicht personal, nicht weiter teilbar, nicht verantwortlich, nicht gütig, nicht barmherzig, nicht zürnend... Nichts, was Menschen betrifft kann dieser Begriff sein.

Es ist erstaunlich, dass 500 Jahre nach Galilei und 150 Jahre nach Darwin die Traditionen so stark wirken, dass man von einem gütigen, barmherzigen, allwissenden usw. Gott sprechen kann. Alle unsere bisherigen Erfahrungen sprechen gegen einen solchen Gottesbegriff.

Dass jemand der wegen eines Fahrradunfalls mit Querschnittlähmung an den Rollstuhl gefesselt ist, dass jemand wegen eines läppischen Gendefekts im Laufe seines Lebens erblindet, dass jemand von einem Ziegelstein auf den Kopf getroffen wird, dass jemand einen Toto-Zwölfer macht... wie immer man diese Folge fortsetzen mag, es ist irrwitzig, ein einzelnes dieser Schicksale mit Gott in Zusammenhang zu bringen. Wir neigen dazu, jene Ereignisse, die uns selbst betreffen so zu sehen. Andere von denen wir nicht betroffen sind und die große Mehrzahl, vor denen wir gar keine Kenntnis erlangen, als Zufall abzutun.  Wenn wir aber auch nur ein Ereignis aus der Kategorie "Zufall" als Gottes Fügung annehmen, dann müssen wir auch alle anderen so sehen.

Die Dinge, die geschehen, geschehen durch Gottes Willen.

Calvinisten neigen zu dieser Ansicht und neigen zur Ansicht, alle Dinge seien vorherbestimmt.

Katholiken wieder neigen eher zu der Ansicht, dass wir durch unser Tun die Zukunft bestimmen könnten.

Gott dagegen muss doch - und wenigstens hier könnten sich doch die Theologen einig sein - ganz allgemein immer und für alle da sein. Natürlich auch für jene, die keine Osterbotschaft je gehört haben und die auch nicht das Glück hatten, durch Feuer und Schwert bekehrt worden zu sein; und zwar unparteiisch.

Es erscheint belanglos, ob man meint, dass es Gott gäbe oder dass es ihn nicht gäbe. Wenn wir etwas beobachten, was uns nicht erklärbar ist und das wir auch nicht einfach als Wunder abtun wollen, und wenn dieses Prinzip allgemein gültig ist, dann können wir durchaus von einem göttlichen Prinzip sprechen.

Ich meine, dass der Zufall jene Größe ist, nach der wir hier suchen.

Warum unterscheiden aber die Menschen zwischen "göttlicher Voraussicht", "Schicksal", "Prüfung durch Gott", "Gottes Strafe", "Gottes Güte" und dem banalen weil alltäglichen und doch so geheimnisvollen, mächtigen, allgegenwärtigen Begriff des Zufalls?

Der Grund erscheint offensichtlich: Zufälle, die uns nicht persönlich betreffen, sind eben Zufälle. Solche aber, die unsere Existenz beeinflussen, sind "Schicksal", "Gottes Wille" und wie sonst man diese subjektiven Zufallsereignisse sonst bezeichnet.

Setzen wir aber Gottes Wille und Zufall gleich, dann bestünde gar kein besonderer Widerspruch zwischen einem gottgläubigen Menschen und einem Atheisten.

Der Atheist muss mit dem Umstand leben, dass er für die Ursachen des Zufalls keine Erklärung hat; der gottgläubige Mensch muss anerkennen, dass zufällige Ereignisse jedweder Art Gottes Handschrift tragen, egal, ob sie einen selbst betreffen oder nicht.

Weitergehende Erklärungen Gottes sind anmaßend und kindisch.

Wenn daher der Zufall jenes göttliche Prinzip wäre, das die Kirche in vielen Aussagen nennt, dann ergibt sich gar kein Unterschied zur Evolutionstheorie, denn damit wäre die Aussage: "Wir sind ein Produkt des Zufalls (und nachfolgender Selektion)." sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus theologischer Sicht richtig.

Warum weigerte sich der Mensch aber bisher, den Zufall als jenes Prinzip zu verstehen, das ihn lenkt und dem er letztlich seine Existenz verdankt und nicht nur als lästige Begleiterscheinung des geordneten Lebens?

Der Grund dürfte sein, dass er der Mensch sich bisher eben als etwas Besonderes betrachtet hat und die Religion ihn immer noch auf ein Podest stellt. Diese besondere Stellung ermöglicht ihm die Unterscheidung zwischen den banalen Zufällen in der Welt und jenen Ereignissen, die ihn selbst betreffen, die er zum Beispiel als Schicksal bezeichnet.