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Dienstag, 18. April 2006

Wunder im Nachhinein

Welchen Wahrheitsgehalt hat eine dramatisierte Erzählung? Was sagt uns ein Film über ein historisches Ereignis? Im Nachhinein können beliebige Botschaften in diese literarischen Werke verpackt werden. Der Erzähler will eine ganz bestimmte Wirkung mit seiner Geschichte erzielen; es gibt eine historische Botschaft und eine Botschaft des Autors.


Was ist ein Wunder?

Wunder ist das Eintreffen eines extrem unwahrscheinlichen Ereignisses. Der Begriff ist überwiegend in der Religion aber auch umgangssprachlich in Verwendung.

Das Neue Testament ist voll von Wundern. Kein Wunder, ist es doch kein Zeitdokument sondern eine im Nachhinein niedergeschriebene dramatisierte Geschichte, in der zur Verstärkung der Wirkung die eine oder andere Szene so dargestellt wird, dass der Hauptdarsteller in den Bereich des Unerklärlichen gerückt wird.

Ein schönes Beispiel: Jesus soll am Palmsonntag seinen Jüngern befohlen haben, vor die Stadttore zu gehen. Dort würden sie einen Esel finden und den sollten sie mitnehmen. Dem Besitzer sollten sie sagen, dass der Herr den Esel brauchen würde (und basta).

Zunächst ist der semantische Unterschied zwischen dem Satz: "Ihr werdet dort einen Esel finden." und "Ihr werdet dort sicher irgendeinen Esel finden." sehr gering, der erste Satz aber eine unglaubliche Voraussicht unterstellt (ein Wunder sozusagen) und der zweite Satz bedeutet, dass in jenen Tagen grasende Esel vor den Stadttoren eher die Regel als die Ausnahme waren, daher eine Voraussicht in dieser Angelegenheit keine besondere gewesen wäre.

Aber die Autoren haben auch kleinste Gelegenheiten nicht ausgelassen, über Wundersames zu berichten.

Darüber hinaus muss es auch schon damals etwas sonderbar gewesen sein, dass jemand einfach einen Esel requirieren lässt. Wenn der an den Falschen gerät, dann geht die Geschichte etwas anders weiter aber glücklicherweise gibt es ja die wundersame Voraussicht und der Besitzer des Esels hatte keine Einwände; warum auch immer.