Seiten

Donnerstag, 27. April 2006

Zufall und Evolution

Es ist grenzenlos unwahrscheinlich, dass irgendetwas, was wir kennen (ein Text, eine Musik, ein Wesen), durch einen reinen Zufallsprozess entstehen könnte. Die Wahrscheinlichkeiten dafür sind so klein, dass man sie praktisch nicht in Zahlen ausdrücken kann. Im folgenden Buch wird so argumentiert (Link).


Das ist aber auch gleichzeitig der Punkt, der von Kritikern ganz falsch eingeschätzt wird. 

Der Satz "to be or not to be" entsteht ja nicht aus irgendeiner Ursuppe, sondern erst in dem Kontext eines menschlichen Zeitalters unter ganz bestimmten kulturellen Voraussetzungen. Und in diesem Zusammenhang gesehen, ist die Anzahl der möglichen Sätze nicht mehr unendlich groß. Viele Dinge sind sogar eher wahrscheinlich, sie liegen sozusagen "in der Luft". 

In der evolutorischen Geschichte der Welt spielt der Zufall jeweils auf einer ganz bestimmten Stufe eine evolutorische Rolle. Andere Merkmale sind bereits in der vererbten Geschichte so verankert, dass sie in der Zufallsauswahl keine Rolle mehr spielen.

Nehmen wir zum Beispiel ein Pantoffeltierchen, dessen Pigmentierung einem Zufallsprozess unterliegt. Wenn eine bestimmte Farbe keine Rolle spielt, werden wir vielleicht solche Wesen mit verschiedenen Farben beobachten. Wenn es aber ein Vorteil ist, dass sich das Tier vor grünem Hintergrund nicht abheben soll, um nicht gefressen zu werden, werden alle Individuen dieser Art in kürzester Zeit grüne Farbe annehmen. Man sieht, dass keineswegs alle variablen Parameter einer Änderung unterliegen. Manchmal geht es einfach um die Farbe, manchmal um die Form usw.

Hat die Pantoffeltier-Population das Pech, dass sich der Hintergrund verändert, hängt ihr Weiterbestand davon ab, ob sie ihren Standort wechseln können oder die Farbe ändern können. Wenn nicht, Pech gehabt...

Shakespeare hätte nicht Schiller-Text schreiben können, Mozart keine Strauß-Walzer, weil ihre jeweiligen Repertoires aus denen ihre Phantasie ausgewählt hat nicht grenzenlos war sondern im Kontext ihrer jeweiligen Kultur an gewisse Regeln ihrer Zeit gebunden war. Darum erkennen wir auch Rokoko-Musik ganz einfach. Eben weil sie nicht unendlich vielfältig ist. Und nur dadurch können wir überhaupt existieren.

Der Zufall gibt die Entwicklungsrichtung vor, indem er neue Formen ermöglicht. Die Umgebung wählt die besten dieser Formen aus, indem sie sie bewertet.

Man Markt gibt es zum Beispiel 20 Digitalkameras in der Preisklasse 300 Euro, alle mit vielen Ideen und Möglichkeiten ausgestattet. Aber diese Möglichkeiten sind nicht unendlich. Sie bauen auf auf den gegebenen Technologien, den verfügbaren Bauteilen und der Phantasie ihrer Entwickler. Wir, die Kunden entscheiden dann (ganz unblutig, weil wir den reinen Darwin hinter uns gelassen haben), welche Modelle "überleben".

Die Selektion erfolgt nicht aus einer schier unendlichen Auswahl von Möglichkeiten sondern nur zwischen 20 Modellen.

Der Zufall bietet an, die Selektion wählt aus. Und diese Kombination bestimmt selbst die Richtung. Das ist der Plan und sonst nichts.

Ohne Zufall keine Evolution aber auch ohne Selektion keine Evolution.

Denken wir an die Planwirtschaften des ehemaligen Ostblocks. Ein Waschmittel war im Allgemeinen genug. Eine Art Milchmädchen-Rechnung. Es fehlte einfach an der zufälligen Auswahl, daher gab es auch kaum eine optimierte Entwicklung, daher der wirtschaftliche Rückstand.