Seiten

Dienstag, 18. April 2006

Zufall und Intelligenz

Der Mensch verrechnet einfache Wahrscheinlichkeiten richtig, kann aber leicht verwirrt werden.


Die Evolution hat uns ein instinktives Verständnis für die Einschätzung zufälliger Vorgänge gegeben. Instinktiv können wir Situationen zu unserem Vorteil einschätzen auch wenn die Ergebnisse nicht ganz klar sind. Wir wissen, wie die Wahrscheinlichkeitslage ist und entscheiden uns dementsprechend.

Allerdings versagt diese Verrechnung von Wahrscheinlichkeiten, wenn es etwas komplizierter ist; oder

Wir glauben zum Beispiel ganz genau zu wissen, dass beim Lotto 6 aus 45 die Zahlenfolge 1, 2, 3, 4, 5, 6 sicher nicht kommen wird. Dagegen erscheint uns die Folge 2, 14, 25, 28, 33, 41 durchaus plausibel. Wenn wir aber einfach nur die Zahlen auf den Kugeln in belanglose Buchstaben umwandeln, zum Beispiel ersetzten wir 1 durch u, 2 durch k usw., dann entspräche die erste Folge den Buchstaben u, k, l, e, r, z und die zweite u, x, w, q, o, b, Wenn man jetzt dieselbe Frage stellt, werden die meisten vermuten, dass beide Folgen gleich unwahrscheinlich sind. Allein die gewohnte Abfolge von Zahlen suggeriert uns, dass so etwas zufällig nicht vorkommen kann. In Wahrheit führt es uns aber vor Augen, wie unwahrscheinlich eben es ist, einen Sechser zu erraten, denn die Zahlenfolge 1, 2, 3, 4, 5, 6 ist genau so wahrscheinlich oder unwahrscheinlich wie die 1, 14, 25, 28, 33, 41.

Wir wissen, wie unwahrscheinlich es ist, die sechs Richtigen zu treffen, jedenfalls ist es wahrscheinlicher von einem Blitz getroffen oder von einem Hai gebissen zu werden und dennoch setzen wir munter drauflos.

Es gibt eine bestimmte Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein Dachziegel vom Dach fällt. Es gibt ebenso eine bestimmte Wahrscheinlichkeit dafür, dass jemand auf einem Gehsteig spazieren geht. Lassen wir das Wetter einmal außer Betracht, kann daher jederzeit irgendwo auf dieser Welt ein Dachziegel vom Dach fallen; sagen wir, dass jede Minute irgendwo auf der Welt ein Dachziegel vom Dach fällt.

Der Dachziegel steht mit den Fußgänger in keinerlei Beziehung, wir sagen, diese Vorgänge sind unkorreliert, sie hängen daher nicht zusammen.

Wir können einmal sagen, dass vielleicht jeder 100ste vom Dach fallende Ziegel so fällt, das er von einem Passanten bemerkt wird (die anderen 99 fallen entweder in der Nacht oder in einer Zeit, wo eben niemand in der Nähe ist). Jeder 100ste fallende Dachziegel hat einen Augenzeugen.

Vielleicht jeder 100ste der beobachteten Dachziegel trifft den Passanten und von diesen "Treffern" ist wieder jeder 100ste tödlich.

Dabei sind diese Zahlen willkürlich gewählt, sie sollen nur die geringe Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses vor Augen führen.

Wir gehen daher ziemlich unbekümmert durch die Straßen, ohne je eine solche Überlegung bewusst angestellt zu haben. Unser Instinkt erledigt das für uns.

Unser Instinkt wirkt aber auch in abweichenden Szenarien richtig, denn wenn es stürmt und die Wahrscheinlichkeit für fallende Dachziegel steigt, werden wir uns in Deckung begeben oder sicherheitshalber in der Straßenmitte gehen.

Grundsätzlich wissen wir, dass Dachziegel zwar manchmal fallen und dass uns einer treffen könnte. Wegen der Unwahrscheinlichkeit dieser Möglichkeit, verdrängen wir aber diese Möglichkeit und da sie bisher nicht eingetreten ist, fühlen wir uns als unverwundbar.

Wir bekommen aber ein Problem, wenn wir Augenzeuge eines fallend Dachziegels werden oder wenn er uns gar treffen sollte. Ab diesem Zeitpunkt ist nicht mehr so wie vorher. Unsere Verwundbarkeit wird und plötzlich bewusst und wenn uns der Stein gar trifft, beginn das Hadern mit dem Schicksal. Wäre ich doch.., hätte ich doch... Ein uns betreffendes Elementarereignis ist auf einmal kein banaler Zufall mehr, oft hört man, das es sich um einen "Fingerzeig Gottes" gehandelt hätte.

Ähnlich verhält es sich mit Verkehrsunfällen und Krankheiten.

Lehrreich sind Krankheiten, denen letalen Ausgang man gerade noch entkommt und Unfälle, die sich gerade nicht ereignen und wenn, dann glimpflich verlaufen, sofern man bereit ist, daraus zu lernen und Möglichkeit des Unwahrscheinlichen anzuerkennen.

"Gott behüte uns von allem, was gerade noch ein Glück ist." (aus der Tante Jolesch von Friedrich Torberg)

Man kann durchaus in dem vorigen Satz "Gott" durch "Zufall" ersetzen. Es ändert nichts an seiner Richtigkeit.

Da wir nicht wissen, woher der Zufall kommt, ist die Gleichstellung Gott=Zufall weder beweisbar noch widerlegbar. Jedenfalls ist sie aber plausibler wie personale Götter oder gar Götter die auf Erden wandeln.

wir kennen nur die globalen Gesetzmäßigkeiten des Zufalls, niemals aber ein konkretes Ereignis.

Der Zufall bezieht sich auf alles, was wir tun, erzeugen, was, wann eintrifft oder nicht eintrifft.

Die wichtigsten Ereignisse, die den Menschen als Person betreffen, die Geburt und den Tod ebenso wie seine Beziehungen zu anderen. Ob man meint, es sein gelenkt oder ungelenkt, ob man ihn beschwört oder nicht: er ist unerbittlich und gütig zugleich, allmächtig, ohne jede Voraussicht, in der großen Zahl voraussagbar aber im Einzelfall nie.

Stellen wir uns vor, jemand setze sich an einen Roulette-Tisch und setze 50 Euro auf die Zahl 16 und er gewinnt. Den gesamten Gewinn setzt er wieder auf eine Zahl, sagen wir 11 (es kann aber auch wieder 16 sein) und er gewinnt wieder und so weiter. Gleich wird man sagen, das könne nicht sein, das gäbe es nicht.

Und doch spielen wie Roulette oder 6 aus 45, eben weil wir diesen unwahrscheinliche Fall herbeisehnen, dass wir die sechs richtigen erraten, obwohl es uns praktisch unmöglich vorkommt, dass die Zahlen 1, 2, 3, 4, 5, 6 kommen könnten.

Die Macht des Zufalls ist, dass er Unmöglich scheinendes möglich macht. Sowohl im überschaubaren Glücksspiel als auch in der unübersehbaren Vielfalt des Lebens.

Wenn man selbst ein solches Elementarereignis erfährt, positiv oder negativ, verlagert man es auf eine überirdische Ebene, man ist geneigt, es als göttliches Tun zu verstehen. Gott Zufall.

Zufall allein erscheint uns einfach zu banal. Man will nicht wahrhaben, dass ein Stolperstein eine Querschnittlähmung zur Folge haben kann und dass dieses dieselbe Ursache hat wie die sechs Lottozahlen der Sonntagsziehung.

Wir könnten aber den Zufall auch in seiner einfachen Form als das eigentliche Vermächtnis Gottes in unserer Welt verstehen. Es ist in so, wie es Religionen beschreiben (dann aber anders meinen). Gott äußert sich in allen Dingen dieser Welt. "Es gibt eine Rose, also gibt es Gott" hieß es in einer Religionsstunde in meiner Jugend. Ein Satz ohne irgend welche Logik, wie mir damals schien. Ein Satz mit einem erstaunlichen Weitblick, wie mir jetzt scheint.

Ein Kind entsteht nur Wirkung des Zufalls und wird geformt durch die Wirkung der Umgebung, in die es hineingeboren wird. Gottes Anteil wäre somit der Zufall, der weltliche Anteil sind wir selbst, unsere Kultur.

Zwar könnte man meinen, dass ja auch die Kultur und alles was ist, ja ursprünglich von Gott ausgeht, dass also alles Sein seine Ursache in Gott hat. Doch nach der Schöpfung erhalten die Dinge ein Eigenleben, weil sie selbständig diese Welt erforschen, Erfahrungen sammeln, immer zwar begleitet vom Zufall aber doch eigenständig.