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Samstag, 11. August 2007

Atheismus ist auch eine Religion

Kardinal Schönborn meint in einem Kurier-Artikel zu seinem neuen Buch, dass zwar die Religion eine Grunddimension des Menschen wäre, der Atheismus in Europa aber ein Sonderphänomen sei.


Religion ist die Vereinbarung eines Kollektivs, sich an vereinbarte überlieferte Konventionen zu halten. Ein Einzelner kann daher keine Religion haben, es handelt sich um ein Gruppenphänomen. Die Gruppe bestärkt sich wechselseitig in der Richtigkeit ihrer Haltungen und Handlungen. Beispielsweise besteht eine dieser Konventionen im Glauben an einen Gott. Wenn ein anderes Kollektiv an einen Gott nicht glauben kann, dann ist das auch eine kollektive Haltung und daher auch religiös. Ein Atheist wird vielfach als unreligiös bezeichnet, doch ist er gerade das nicht. Seinen Glauben an Keinen Gott teilt er mit allen anderen Atheisten und ist somit religiös, wenn auch nicht im Sinne einer organisierten Kirche. Doch eine den Atheismus predigende Partei hat nicht wenige Attribute einer Kirche. Sie versucht, den Menschen glaubhaft zu machen, dass es eben keinen Gott gäbe, gerade umgekehrt wie es Deisten tun.

Ein Atheist unserer Tage kann sich auch nie seiner kollektiven deistischen Vergangenheit entziehen, die immer eine kirchlich religiöse war. Auch eine atheistische Gesellschaft benötigt Werte, die sie natürlich aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit (die sehr wohl gottbezogen war) entlehnt.

Dienstag, 7. August 2007

Ein Modell zur Erklärung aktueller Konflikte

Das bizarr anmutende Zusammentreffen moderner westlicher Waffentechnologie und bärtigen Muslims mit Sprenggürteln, beide die Wahrheit verkündend wirft viele Fragen auf, insbesondere, ob die Methoden der Konfliktlösung angemessen und richtig sind. Peter Neuling bietet ein Erklärungsmodell.


Angeregt durch eine Diskussion mit dem Autor in einer Rundfunksendung kaufte ich mir dieses Buch. Ohne auf die anschauliche Argumentationslinie im Detail einzugehen, hier eine Schlussfolgerung, die ich für mich aus dem Buch gezogen habe:

In den zentralen Konflikten der heutigen Zeit zwischen dem Westen und den islamischen Ländern oder zwischen Nord und Süd blicken wir als aufgeklärte modernen Menschen auf unsere eigene Vergangenheit zurück. Nicht, weil wir besser wären sondern schlicht, weil wir wohlhabender sind. Und mit zunehmendem Wohlstand wandelt sich unsere Werteskala so, dass wir mit Abscheu auf Selbstmordkommandos blicken und auch auf Hexenprozesse aber die islamische Welt mit wahrscheinlich derselben Abscheu auf unbekleidete Menschen am Strand und mit Unverständnis auf die Gleichberechtigung von Frau und Mann. wir meinen, im Islam einen Wertemangel, der Islam meint bei uns einen Werteverfall festzustellen.

Beide Sichtweisen enthalten aber den Fehler, dass es sich nicht um einen Werteverfall oder -mangel sondern um einen Wertewandel handelt, der uns in einer kurzen Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg (und durch die Ideen der Aufklärung unterstützt) einen anderen Standpunkt verschafft hat aus dem allerdings - und das ist jetzt meine Interpretation - die führenden Politiker unserer Zeit oft die falschen Schlüsse ziehen. Jeder bewaffnete Angriff auf religiös gefestigte Gesellschaften wie die des Islam verstärkt deren Ablehnung und deren Fanatismus. Was allein zielführend sein kann, den kulturellen Wettbewerb auf eine nicht-militärische Ebene zu bringen, wäre die Förderung von Prozessen, die den Wohlstand in den armen Regionen dieser Welt erhöhen helfen. Eine ungleich schwierigere Sache als eine Militäraktion. Etwas weniger hohe Twintowers würden da schon genügen und vor allem - die Lektüre von Peter Neulingers Buch, der alle Aspekte der acht Wohlstandsgesetze penibel recherchiert, sich aber jeder Schlussfolgerung enthält. Die überlässt er dem Leser. 

Ohne, dass darauf in diesem Buch eingegangen worden wäre muss man logischerweise annehmen, dass umgekehrt eine Verarmung einer Gesellschaft gleichzeitig den Rückfall in längst vergessen geglaubte Werteskalen bedeutet.

Sonntag, 5. August 2007

Warum Bush nicht Recht hat und "das Böse" nicht besiegen wird

Kaum hat die Welt dank Gorbatschov den Kalten Krieg überwunden, gerät sie erneut in ein Spannungsfeld, diesmal in einen kulturellen Gegensatz, der eine echte Herausforderung darstellt. Doch die Methoden der westlichen Frontmacht USA zeigen von Unwissen, Unverständnis und Unvermögen. Keine Lösung ist in Sicht.


Was wir im Konflikt zwischen dem Westen und den islamischen Ländern erleben, erscheint wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. So, als würden wir in unsere eigene Geschichte besser wissend eingreifen. So, als würden wir ein Kopfgeld auf Papst Urban II (11.Jhdt.) aussetzen, um seiner tot oder lebendig habhaft zu werden und seine unsägliche Agitation für einen Kreuzzug zu unterbinden. Und aus unserer Loge des 21. Jahrhunderts meinen, es besser zu wissen.

Welche Methoden wird wohl der Papst und seine Zeit gegen einen überlegenen Gegner aber mit Gott im Gepäck angewendet haben? Verhandlungen? Mit Ungläubigen?

Wie kann es sein, dass Vertreter desselben Glaubens, hier Christen, zu so unterschiedlichen Moralvorstellungen gelangen? Wie können Werte, wie Menschenrechte und Toleranz, die wir als hoch erachten, bei Papst Urban keinen Wert haben und warum verstehen wir nicht, dass ein Kampf zur Ehre Gottes für Ritter des 11. Jahrhundert der höchste Wert überhaupt ist?

Es ist einfach der Wohlstand (Siehe Peter Neuling in seinem Buch "Die acht Wohlstandgesetze"), der zur Folge hat, dass die Werte sich bei zunehmendem Reichtum der Bevölkerung wandeln. Jede Gesellschaft hat daher andere Werte und es ist nicht möglich, Papst Urban II im Nachhinein für seine Haltung zu verurteilen, da er seinen Appell zum Kreuzzug durchaus im Sinne der Werte seiner Zeit an die Ritter gerichtet hat.

Wenn wir aber unsere eigene Geschichte in diesem Licht betrachten, dann müssen wir akzeptieren, dass die höchsten Werte in der islamischen Gesellschaft eben Ehre und Religion sind und diesen Gesellschaften mit unserer Werteskala, die wieder Menschenrechte und Demokratie an erster Stelle hat nicht umgehen können, wie auch umgekehrt.

Ein Blick auf den Islam von heute ist daher wie ein Blick auf unsere eigene Vergangenheit. Aus heutiger Sicht erscheinen uns Kreuzzüge sehr grausam und ungerecht, weil wir eine andere Werteskala haben. Die Terroristen sind ebenso "das Böse" wie es die Kreuzritter vor einem Jahrtausend waren - oder eben nicht, weil aus ihrer jeweils subjektiven Sicht tun sie das Bestmögliche.

Wenn wir daher versuchen, in islamischen Ländern die Demokratie einzurichten, dann wird das scheitern, weil die dortige Werteskala die Demokratie nicht als hohen Wert anerkennt. Und das wird auch mit Waffengewalt nicht gelingen.

Daher sind Afghanistan und Irak nicht auf diese Weise zu demokratisieren. Die einzige - und sehr langfristige - Möglichkeit besteht in einer Aufwertung des Islam durch Investitionen in Bildung, Wirtschaft durch Austauschprogramme und was einem sonst noch einfällt, die alle das Ziel haben, die Armut in diesen Ländern zu verringern. Erst wenn diese überwunden ist, kann man hoffen, dass eine Bewegung im Sinne der europäischen Aufklärung einsetzt und einen Demokratisierungsprozess einleitet.

Dazu brauchen wir keine Waffen und keine Kriege, nur Geduld und Geld. Wenn wir unsere Wohlstandstürme nicht ganz so hoch in den Himmel richten, verarmen wir deswegen noch nicht aber diese Geld könnten wir in einen neuen Marschall-Plan investieren. Allerdings dürfen wir nicht erwarten, dass dieser Plan so, wie seinerzeit nach dem zweiten Weltkrieg in einem Jahrzehnt erfolgreich ist, zu groß ist der Aufholbedarf aber ich bin sicher, ein solcher Plan würde das Antlitz des Islam verändern, vielleicht in eine Form, wie er sich von einem Jahrtausend bereits präsentiert hat.