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Dienstag, 25. November 2008

Die Ewiggestrigen können es nicht lassen

http://derstandard.at/?url=/?id=1226396584309


Man hat den Eindruck, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit in Deutschland mit deutscher Gründlichkeit und nicht mit österreichischem Augenzwinkern erfolgt. Der Sender Phoenix ist ein prominenter Beleg dafür. 

In Österreich ist man weit weniger konsequent.

Uns Österreichern kann man aber zubilligen, dass wir in unserem Land ein Element vorfinden, das es in dieser Form in Deutschland nie gegeben hat: den Anschlussgedanken, der bis in das Jahr 1848 zurückverfolgt werden kann. Damals hatte diese Idee denselben Stellenwert für die deutschsprachigen Länder der Monarchie wie die entsprechenden Ideen der Ungarn, Italiener und Tschechen. Dass sich diese Idee schließlich in einem Weltkrieg gegen andere richtete ist tragisch.

Die Aufarbeitung der NS-Zeit räumt jetzt mit beiden Ideen gleichermaßen auf: mit den Träumen vom "1000-jährigen Reich" aber auch mit den Träumen von Großdeutschland. 

Die derzeitige politische Landschaft eines vereinten Europa macht großdeutsche Ideen entbehrlich. Der "Anschluss" ist praktisch wirtschaftlich vollzogen und regt niemanden auf und wird durch die weitgehende Bewahrung der Eigenständigkeit der Nationalstaaten auch nicht so empfunden. 

Dass der wirtschaftliche Anschluss vollzogen ist, kann man am Verkauf der AUA an die Lufthansa sehen, ein Vorgang, der vor 20 Jahren nicht denkbar gewesen wäre. Dass die Eigenständigkeit gegeben ist, kann man bei jeder einschlägigen Fußballbegegnung der beiden Länder sehen. Eigentlich ein toller Erfolg der Europapolitik.

Leider wollen die Ewiggestrigen diese Realität nicht wahr haben.

Montag, 24. November 2008

Die Wahrheit in den Blondinenwitzen

Blondinenwitze gehören zu den beliebtesten Witzen. Sie übertreiben und sind daher sehr erfolgreich. Ist aber auch etwas Wahres dran? Mir fällt dazu folgendes ein:


Wenn man sich statt "Blondine" einfach einen "ansprechenden Menschen" vorstellt, den die Blondine offenbar repräsentieren soll, dann sagen uns die Psychologen ganz eindeutig, dass es diese Menschen im Leben leichter haben. Sie finden leichter einen Job, leichter einen Partner usw. 

Und die anderen? Die müssen sich mehr anstrengen, müssen besser sein, müssen mehr leisten, um denselben Erfolg zu haben.

Und das ist auch der Kern der Blondinenwitze: Jemand, der sich weniger anstrengen muss, um etwas zu erreichen, bildet die dazu notwendigen intellektuellen Fähigkeiten weniger gut aus.

In einer der letzten Folgen von "Wetten dass?" war Frau Van-der-Vaart zu Gast. Also mehr muss man dazu nicht sagen. Der personifizierte Blondinenwitz.

Und warum gibt es den Witz nicht auch für Männer, genderneutral sozusagen? Möglicherweise, weil Männer die Rolle gegenüber einer Frau gerne in der Eroberer-Rolle gesehen werden und das eben mit einer größeren Anstrengung verbunden ist. Vielleicht liegt hier auch der Urgrund der ungerechten Entlohnung für dieselbe Arbeit begraben.

Sonntag, 23. November 2008

Klöster, wozu?

Klöster gibt es in vielen Weltreligionen.


Es gibt aber Zeiten, in denen Klöster nicht nur eine Randerscheinung sind (so wie heute, hier bei uns) sondern ein wichtiger Umstand im Leben der Menschen dartstellen.

In einer der heutigen Morgensendungen von Oe1 (So. 23. Nov. 2009) wurde berichtet, dass in den 1930er-Jahren 50% der männlichen Bevölkerung der Mongolei in Klöstern gelebt hat. Dazu muss man wissen, dass die Mongolei das am dünnsten besiedelte Land der Welt ist (neben Grönland).

Das Hochland von Tibet, ebenfalls ein sehr karges Land, ist uns ebenfalls als eine Hochburg von Klöstern bekannt.

Das Christentum verzeichnet im frühen Mittelalter zahlreiche Klotergründungen. Welchen Zweck haben aber die Klöster? Die Antwort von Theologen und auch der Wikipedia ist einfach: "Ein Kloster ist eine Anlage, in der Menschen (meist Mönche oder Nonnen) in einer auf die Ausübung ihrer Religion konzentrierten Lebensweise zusammenleben."

Nun glaube ich nicht, dass Menschen eine Klosterkarriere ohne einen gewichtigen Grund akzeptieren.

Der Grund ist eine Bevölkerungszunahme, die ohne Regelung zu einer einschneidenden Versorgungsnot führen würde.

Und Klöster lösen dieses Problem in zweifacher Hinsicht:

Einerseits werden karge Ressourcen in einer kommunistischen Art und ohne Wettbewerb auf alle Mönche und Nonnen verteilt; niemand muss verhungern.

Anderseits erfolgt durch Verzicht auf Nachkommen eine natürliche Kontrolle des Bevölkerungswachstums. Mönch und Nonne werden durch die größere Nähe zu Gott entschädigt. Dieser Wert wird durch die Kirchen mit geeignetem "Marketing" als entsprechend erstrebenswert aufgebaut. Insgesamt ein friedlicher Ansatz zur Bewältigung früher demografischer Probleme.

Die wichtigste Frage beantworten aber Geschichtsbücher nicht: ist diese Wirkung des Klosterlebens auf die Bevölkerung ein von den gebildeten klerikalen Schichten geplantes Verhalten oder handelt es sich um ein sich selbst Sinn gebendes und nützliches Verhalten?

Freitag, 21. November 2008

Warum wir Einwanderer und Asylanten gut behandeln sollten

Die demografische Situation Österreichs zeichnet - ohne Einwanderung - eine alternde Bevölkerung. Mehr Jugend wäre zur Sicherung der Pensionen gefragt. Die österreichischen Familien haben zu wenig Kinder. Vorzeigebeispiele wie jenes der Rosenkranz' können nicht verallgemeinert werden. Wir brauchen daher die Zuwanderung ob wir das aus weltanschaulichen Gründen wollen oder nicht und sollten daher diese Problematik eher nüchtern betrachten.


Meine Frau und ich haben vor 21 Jahren ein Kind adoptiert und dabei unter anderem auch die Frage gestellt bekommen, wie denn das Kind sein solle und wie es nicht sein solle. Wir konnten diese Frage nicht beantworten, weil auch leibliche Eltern sich einfach nur über das Kind freuen können, und es in diesem Punkt kein Wunschkonzert gibt. Man bekommt einfach das nächste Kind in der Reihe.

Mit den Zuwanderern ist es ganz ähnlich.

In einer kürzlich veröffentlichten Zeitungsmeldung stand, dass ein bereits zwei Jahren in Australien ansässiger deutscher Arzt sein Kind nicht nachkommen lassen darf, weil es behindert ist und den australischen Staat belasten würde. Dieses Beispiel vor Augen sollte uns die Auswahl der Zuwanderer nach Brauchbarkeit wie neuzeitlicher Sklavenhandel erscheinen lassen.

Wer kennt nicht den Witz, dass man seine Kinder gut behandeln solle, denn wie würden dereinst das eigene Altersheim auswählen?

In abgewandelter Form trifft das auch für die Zuwanderer zu. Ihre Kinder werden in einigen Jahrzehnten die Hauptlast der Pensionen zu tragen haben und wir wären gut beraten, den Zuwanderern gute Behandlung sowohl in der Erstbetreuung als auch in der Ausbildung ihrer Kinder zukommen zu lassen.

Und wenn schon nicht aus allgemein humanistischen Gründen, dann wenigstens aus reiner Berechnung, damit es uns dereinst, wenn wir selbst es brauchen, es uns nicht allzu schlecht ergehe.

Donnerstag, 13. November 2008

Vorjosefinisch

Alle Menschen werden Brüder...


Unsere Europahymne ist ein letztes Signal der Aufklärung und ein Symbol für die Werte, für die Europa steht. Nach der Zeit Beethovens und Schillers werden diese Werte immer wieder durch Ewiggestrige unterwandert. Und in Österreich ist sie ganz besonders erfolgreich. Ich bin kein Weltbürger, bin ich doch eher bodenständig und doch fühle ich mich zunehmen als zu Europa gehörig. Umso mehr als in Österreich die Ewiggestrigen mehr und mehr an Boden gewinnen.

Wie modern mutet einem das Toleranzpatent Josef II. an, das den Menschen vor mehr als 200 Jahren freie Religionsausübung zusicherte. Dass dieses damals progressive Gesetz vom Volk nur mit einiger Verzögerung angenommen wurde, sieht man daran, dass es bis etwa 1850 dauerte, bis es den Protestanten gestattet wurde, eigene Kirchen zu errichten.

Heute, meint man, könnten solche Problem längst überwunden sein und da die Religionsfreiheit längst Verfassungsrang hat, sollte es in solchen Fragen keine Diskussionen mehr geben.

Leider ist das Gegenteil der Fall. Man hat den Eindruck, dass große Teile der Bevölkerung ideologisch noch in der Zeit vor der Aufklärung verhaftet sind. Das trifft sicher für evangelikale Amerikaner zu. Aber Europäer?

Große Ideen brauchen so ihre Zeit, bis sie sich durchsetzen. Man hat den Eindruck, als würden zunächst progressive Bevölkerungsschichten neue Ideen tragen und erst, wenn diese Ideen in die Lehrpläne der Schulen Einzug finden, werden die Gedanken zum Allgemeingut. Dass sie aber auch die Leitmotive des Handelns und Denkens werden, bedarf es mehr als nur einer Unterweisung. Anders ist es nicht zu erklären, dass (in einer Phoenix-Dokumentation gezeigt) es noch bis heute Menschen mit Hexenglauben gibt, dass einer durch kein Artefakt widerlegte Theorie der Evolution noch immer ein "Intelligent Design" entgegengehalten wird oder dass man es der Islamischen Glaubensgemeinschaft verbieten will, eine Moschee zu bauen, bedeutet, dass große Bevölkerungsteile viele Entwicklungen unserer Kultur zwar vielleicht in der Schule erlernt aber nicht wirklich apperzipiert haben.

Was man von rechten Politikern bei Wahlen, bei Begräbnissen und bei verschiedensten Anlässen zu hören bekommt, kratzt am Selbstverständnis unserer Verfassung, schrammt nahe an den Verfassungsbestimmungen über die Wiederbetätigung, stärkt das Auftreten rechter Hooligans in den Straßen, senkt die Hemmschwelle bei Aggressionen; es ist fast wie eine Neuverfilmung von etwas, auf das wir uns mit Grauen erinnern und das nicht wollen. Es wird geweckt, gefördert, nur, weil es eben im Menschen angelegt ist.

Vorgestern dürfen Hunderte Fans des Fußballclubs "Austria Wien" unkritisiert skandieren "Rapid verrecke". Die Rapid-Fans sind nicht viel besser, doch muss man zu deren Ehrenrettung sagen, dass es dort doch gewisse Selbstreinigungstendenzen gibt, denn das sonst gegenüber der Austria verwendete "Judenschweine" ist schon seit Jahren nicht mehr zu hören. Diese Gruppen mögen sich beschimpfen, wie sie wollen, doch gibt es eben Sager, die uns nicht gut zu Gesicht stehen. Leider begünstigt das erstaunlich lasche Verhalten auch der als verantwortungsbewusst bekannten Politiker diese Töne. Vom Bundespräsidenten abwärts wird kaum ernsthaft der Versuch unternommen, die Worte und Taten der Rechten in die Schranken zu weisen. Da kann ein Landeshauptmann ohne Konsequenzen Gesetze ignorieren, da können Landespolitiker Veranstaltungen von Künstlern absagen und definieren, was Kunst sein darf, da dürfen Politiker offen Intoleranz predigen, da stellt sich niemand gegen einen, vom Verfassungsdienst als rechtsextrem eingestuften Politiker und man hebt ihn auf einen der höchsten Positionen in diesem Land. "Wehret den Anfängen" "Principiis obsta!", so sagte es bereits Cicero und dieser Spruch ist aktueller denn je.

Montag, 3. November 2008

Der kleine Mann und das Kleinformat

Dass die Politlandschaft in Österreich so ist, wie sie ist, verdanken wir zu einem guten Teil dem Kleinformat. Es erzieht ihre Lesermassen zielsicher zum Stimmvieh der Populisten. 


Hätte ich nicht unmittelbares Anschauungsmaterial in meiner Familie, ich würde es nicht für möglich halten, was die tägliche Lektüre des Kleinformats anrichten kann. 

Während alle anderen Zeitungen versuchen, ein vielfältiges Bild von der Welt zu zeichnen aus dem Leser ein eigenes Bild machen kann, ist der Adressat des Kleinformats der "kleine Mann". Man lässt nichts unversucht, seine Ohnmacht zu betonen und gegen die da oben ins Feld zu ziehen.

Es geht gegen die Großen und Mächtigen, gegen die, die unrechtmäßig zuviel Geld kassieren, gegen die, die uns kleines Österreich bevormunden, gegen die, die sich alles richten können. Geradezu symbolisch sind die Attacken gegen die die zufälligerweise groß gewachsene Außenministerin Plassnig. Fast hat man den Eindruck, dass Sie ein Pech hat so groß zu sein, denn sie kann dadurch als Symbol für die Gegner des kleinen Mannes herhalten.

Das wichtigste an der Sache ist aber die Kleinheit des kleinen Mannes, die man nicht oft genug betonen kann. Nicht Bildung, Aufklärung, Hinführen zu mehr Toleranz, Aufgeschlossenheit werden dem Leser geboten, denn dann würde man die Leser möglicherweise an andere ebenso lesenswerte Produkte verlieren, vielleicht auch an ein Buch oder einen guten Fernsehsender. Nein, wichtig ist, den kleinen Mann auch wirklich klein zu halten, damit die Leserzahl sich ja nicht verringern möge.

Diese Ohnmacht treibt die Leser dann in Scharen zu den im Gleichklang posaunenden Populisten der Rechten und neuerdings auch der Linken, jedenfalls jener Linken, der das Geschrei der Rechten denn doch zu aggressiv ist, die aber doch auch ein wenig dagegen sein wollen. Gegen was? Ach ja, gegen die EU. Eine solch breite Basis wie sie das Kleinformat hat, würde sich jede Massenpartei wünschen.

Kaum ein Ansatz im Kleinformat, der den handelnden Personen einräumt, dass die Probleme der heutigen Zeit sehr komplex sind, und allein durch das Dagegensein nicht zu lösen sind. Dass die EU Akzeptanzprobleme hat, dürfte ja allen klar sein. Was allerdings eine Volksabstimmung gegen die EU dazu Konstruktives beitragen würde, kann niemand sagen. 

Vielleicht wird man sich ja beim Kleinformat wieder neu orientieren müssen, denn das trotzige Nein der Iren könnte von diesen bald in ein Ja umgewandelt werden und frühere Gegner des Euro wie Dänemark und Schweden erwägen bereits einen Schwenk.

Ironischer Weise spielt der Roman "Kleiner Mann, was nun?" von Hans Fallada, der vermutlich der Namensgeber zum vielzitierten "Kleinen Mann" ist, in der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre, also im tragischen Vorläufer der heutigen Weltwirtschaftskrise.

Es ist nur zu hoffen, dass die Menschen aus den damaligen Ereignissen gelernt haben, und dass die damalige Konsequenz, nämlich der zweite Weltkrieg heute entbehrlich ist. Eine Voraussetzung dafür scheint mir aber zu sein, dass der kleine Mann sich seiner Stärke bewusst wird und sich nicht vom Kleinformat in seiner Kleinheit bestätigen lässt, sondern an Stärke gewinnt und vielleicht auch einmal ein Großformat zur Hand nimmt.

Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile.

Menschen neigen dazu anzunehmen, dass es im Hintergrund unbekannte Mächtige gibt, die genau das beobachtete Szenario komplexer Systeme herbeiführen. Gottesglaube hat lange Tradition und sitzt tief. Dass aber komplexe Systeme ihr Verhalten ganz ohne weiteres Zutun einstellen und wir oft die Rolle des ohnmächtigen Zauberlehrlings einnehmen, kann man auch an der aktuellen Finanzkrise beobachten. 


"Es ist alles sehr kompliziert." Diese damals als naiv empfundene Einsicht von Bundeskanzler Fred Sinowatz ist ein sehr wahrer Satz. Er zeigt, wie gering der Beitrag auch der Mächtigsten zur Beeinflussung des Staatswesens ist.

Beispielsweise sind der Stoffwechsel, die Alterung, die Technik, die Wissenschaften, die Politik und schließlich auf das Geldwesen sehr komplexe Gebilde, die aufwändige Studien erfordern, um sie wenigstens teilweise verstehen zu können.

Und dennoch werden diese Systeme durch vergleichsweise einfache Parameter gesteuert. Markus Hengstschläger erklärt uns in deinem Buch "Endlich Unendlich", dass es zwar sehr rühmlich ist, alle genetischen Zusammenhänge des Alterns zu verstehen; es genügt aber eine einfache Verhaltensweise, nämlich eine Art asketischer Lebensstil, um seine eigene Lebenszeit erheblich zu erweitern - wenigstens statistisch.

Es gilt ein plakativer aber vielfach richtiger Grundsatz: das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Viele Teile, die in ihrem Verhalten genau bekannt sind, können in Verband vieler solcher Teile verblüffende neue Eigenschaften entwickeln, die nicht von vornherein vorhersagbar sind. Die Summe der Teile bekommt Eigenschaften, die vorher nicht vorhanden waren und auch eine Art Seele für etwas, was es gar nicht gibt, weil es ja nur die Teile real gibt. 

Beispiele

Wer könnte aus dem Verhalten einer einzelnen Sardine im Aquarium erahnen, was ein Heringsschwarm vermag. Die Aufnahmen der Bewegung eines Heringsschwarms lassen den Laien vermuten, dass es da irgendwo in diesem Schwarm einen Kommandanten gibt, der das Ganze befehligt. So, wie man bei der Finanzmisere vermutet, es gäbe da und dort die Dunkelmänner, die uns das Geld wegnehmen oder so, wie man annimmt, alles Existente müsse von jemand geschaffen worden sein. Doch die Bewegung des Heringsschwarms beruht auf der Anwendung zweier ganz einfacher Regeln, die alle Fische ohne tiefere Einsicht befolgen: die erste ist die, sich so zu bewegen, wie der Vordermann; die zweite ist die, eine Bewegung des Nachbarn unmittelbar nachzuvollziehen. Das hat zur Folge, dass ein am Rand schwimmender Hering, der eine Gefahr sieht und instinktiv ausweicht, diese Bewegung auf den ganzen Schwarm überträgt. Im Geldgeschäft kann man ein solches Verhalten auch beobachten, wenn nämlich ein Kursabfall (oder -anstieg) beobachtet wird, dann reagieren alle an der Börse arbeitenden Computer ganz ähnlich und führen zu überraschenden Kurseskapaden, eine Art Überreagieren. Kleine Ursachen, große Wirkungen.

Warum soll das beim Geldwesen viel anders sein? Wo liegt beim Geldwesen der Wurm begraben, der solche Kursverluste wie eben jetzt möglich macht? Welches einfache Lenkungsinstrument könnte helfen, Katastrophen wie die Finanzkrise zu vermeiden? Keine komplizierten Mechanismen, wie zum Beispiel einen Welt-Finanziminister, nein, ein dem Prinzip der Gewinnmaximierung entgegengerichtetes Instrument einfacher Bauart, das Blasen wie die der Tulpenzwiebeln, der Technologien, der Immobilien verhindert.

Alle wissen, dass man mit höheren Gewinnversprechungen auch ein höheres Risiko eingeht. 

Die besten Köpfe steuern den Kapitalmarkt und trotzdem haben sie das gemeinsame Schiff an gefährliche Untiefen gesteuert, und alle unsere Werte sind jetzt bedroht. Wie konnte das passieren?

Der Grund dürfte sein, dass zwar jeder Einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten Entscheidungen trifft aber das Gesamtsystem keinen solchen Steuermann hat und eigenständig und unerbittlich alle Einzelfehler bestraft. So, wie ein Ökokollaps in düsteren Prognosen die schlussendliche Antwort des Planeten auf unser Handeln haben kann.

Die Steuermänner des Finanzsystems wenden die Regeln des Finanzmarktes auf alle Geldgeschäfte an: hoher Ertrag bedingt hohes Risiko und geringer Ertrag birgt geringes Risiko. Ihr Fehler ist, dass sie sich selbst von dieser Regel ausnehmen und das Wort "Verantwortung" nur ein Lippenbekenntnis ist und praktisch nie wirklich umgesetzt wird.

Im Profisport, in Wirtschaft, in der Kunst und auch im Finanzgeschäft werden Gehälter auf einem für Normal-Sterbliche unverständlichen Markt ermittelt. Ronaldo, ein Fußballer bei Manchester United verdient an einem Tag soviel, wie ich in 18 Monaten an Pension bekomme, nämlich 36.000 Euro. Herr Generaldirektor Treichl verdient vergleichsweise nur etwa ein Drittel. Es gibt sogar Manager, die behaupten, doch auch ordentlich für das Geld zu arbeiten. Ein Hohn für andere Sterbliche, die sich für ihre Firma zerreißen und sich mit einem bescheidenen Gehalt zufrieden geben müssen. 

Das einzige, was man dieser Ungleichheit entgegenhalten könnte, ist, dass ja der Herr Generaldirektor eine viel höhere Verantwortung trägt und viel weitreichendere Entscheidungen trifft.

Was aber leider die Regel ist, dass die Manager (oder auch Fußballstars) auch dann ihren Gehalt oder ihre Pension ausbezahlt bekommen, wenn sie ihr Schiff geradezu versenken. 

Wenn wir aber das Prinzip des Geldgeschäfts hier anwenden, können wir die Worthülse "Verantwortung" mit Leben erfüllen. Während beim weniger verantwortungsvollen Posten das Gehalt eine fixe Größe ist und bestenfalls mit den jährlichen Gehaltsverhandlungen steigt, ist ein höheres Gehalt an ein höheres Risiko für den Arbeitnehmer gebunden. Was übersetzt heißt, dass eine weniger erfolgreiche Bilanz auch einen Kurssturz beim Gehalt zur Folge hat. 

Ob das die Finanzkrise verhindert hätte? Vielleicht ist Herr Treichl ein schlechtes Beispiel, weil man ihm persönlich ja keineswegs nachsagen kann, seine Bank etwa unseriös geführt zu haben; dazu sind die präsentierten Quartalszahlen viel zu gut. Man ist aber erstaunt, dass er anlässlich der Annahme der staatlichen Hilfe bei der Eigenkapitalbildung sagt, die Bank würde sich wieder mehr auf das Kerngeschäft konzentrieren, was bedeutet, das Verleihen von Geld, das man von Sparern bekommt. Indirekt wird hier zugegeben, dass spekulative Geschäfte mit unklaren Werten auch bei der Erste Bank üblich waren, nur sind diese - anders als bei der BAWAG - nicht weiter aufgefallen.

Eine gelebte Verantwortung für das eigene Handeln würde bei Geschäften eine höhere Sorgfalt bewirken, weil das eigene Wohl mit dem der Firma enger verbunden wäre.

Und was bei den Managern so ist, sollte natürlich auch bei den Fußballern und sonstigen Stars der Fall sein. Diese astronomischen Gehälter sind leicht geeignet, Vereine in den Ruin zu treiben, weil ein Versagen der Mannschaft keinerlei Einfluss auf deren Gehälter hat, wohl aber auf die Finanzen des Vereins durchschlägt.

Da es sich in den beiden Fällen aber um einen Markt handelt, ist es einer einzelnen Firma oder einem einzelnen Fußballverein unmöglich, auszuscheren. Hier sind übergeordnete Regeln erforderlich, die im Vertragswesen generell angewendet werden müssen. Das wieder bedeutet nicht, dass die Manager weniger bekommen sollen, sondern nur, dass ihr Gehalt vom Erfolg des Unternehmens abhängig ist.

Es bedeutet, dass Manager bei Geschäften aller Art eine höhere Sorgfalt anwenden würden, es bedeutet, dass Fußballspieler kein Spiel auf die leichte Schulter nehmen werden, wie man das oft bei so genannten Profis beobachten kann.

Gelebte Verantwortung müsste bedeuten, dass jene, die die Weltwirtschaft an den Abgrund einer Weltwirtschaftskrise gelenkt haben, nicht dieselben sein können, die die Regeln für eine "Weltwirtschaft neu" aufstellen können.

Montag, 25. August 2008

Verkehrsfunk bei den Nachbarn

Wenn einer eine Reise nach Deutschland tut, dann kann er über erstaunliche Meldungen aus der dortigen Verkehrsredaktion berichten. Achtung Autofahrer, ...


…auf der Autobahn laufen Personen 'rum.

Kein Wort davon, dass ein Unfall passiert wäre und sich daher an der Unfallstelle Personen bewegen auf die zu achten ist, nein, "es laufen Personen 'rum" (die etwas suchen, vielleicht ihr Auto, die Fangen spielen, die sich einfach die Füße vertreten...).

…auf der Autobahn liegen Gegenstände

Das kann jetzt aber viel sein: Nägel, Glasscherben, Autoteile, Autos, Wohnungseinrichtungen, Strohballen, Ladungen von LKWs... Suchen Sie sich was aus.

…auf der Autobahn laufen Tiere

Ja und? Welche? Ameisen, Elefanten, Krokodile oder gar Frösche?

Es war jedenfalls lustig, dem Südwestfunk zuzuhören, weil diese Meldungen nicht nur einmal  sondern immer wieder vorgekommen sind. 

Übrigens hörten wir während einer Woche keine einzige Meldung über einen Falschfahrer(Geisterfahrer). Der Grund ist nach meinen Beobachtungen sehr einfach: in Österreich mündet die Autobahn in die Bundesstraße aber in Deutschland mündet die Bundesstraße in die Autobahn.

Der Unterschied ist folgender: 

Wer in Österreich bei einer Autobahnauffahrt falsch auffährt, kann seinen Fehler nicht mehr korrigieren, denn er befindet sich auf einer Einbahnstraße in der falschen Fahrtrichtung kann wegen der Mittelleitschiene nicht mehr auf die richtige Fahrbahn wechseln.

In Deutschland dagegen ist die Autobahnauffahrt noch eine Bundesstraße und die Auffahrt auf und Abfahrt von der Autobahn ist dieselbe Fläche ohne Leitschiene dazwischen. Und daher muss der Fahrer, der fälschlicherweise auf der linken Fahrbahnseite einfährt nur die Rechtsfahrordnung einhalten und wird dadurch automatisch auf die richtige Seite umgelenkt.

Sonntag, 17. August 2008

Die versunkene Welt am Strom

Wer heute das Strombad Kritzendorf besucht, braucht einige erklärende Worte, um diese Welt zu verstehen.


Gerade in den letzten Tagen habe ich ein Buch über das Dorf gelesen, in dem ich als Kind aufgewachsen bin: Kritzendorf an der Donau. Ich ging dort in den 50er- und 60er-Jahren regelmäßig ins Strombad und wunderte mich über Hunderte Kästchen, von denen nur einige wenige belegt waren. Wo waren all die Leute? 

Heute ist es mir klar: in der Zeit vor 1938 war dieses Bad ein Paradies und das Wiener Bürgertum stürmte diesen Strand an den Toren von Wien. Natürlich waren viele jüdische Familien darunter, vielleicht waren sie sogar in der Mehrzahl. Aber damals waren Juden noch kein Problem. Erst als die Nazis kamen, machte die Bewegung auch vor meinem kleinen Kritzendorf nicht halt und Schilder wie "Juden ist der Zutritt verboten" machten Schluss mit dem Paradies. Die Hüttenbesitzer wurden enteignet und kehrten nicht wieder zurück. Entweder, weil sie tot waren oder, weil sie auswandern mussten und sich nach dem Krieg eine Rückkehr nicht wieder vorstellen konnten (es gab auch keine Einladung seitens der österreichischen Regierung). 

Heute dümpelt der einst so begehrte Strand vor sich hin. Eine Welt ist versunken vor unseren Augen und niemand weiß mehr davon. 

Wer weiß noch, dass damals Linienschiffe und tolle Motorboote beim Gasthaus Lanzendörter (heute Sienel) anlegten? Wer weiß noch, dass im Pavillon den Strandbades die Wiener Symphoniker musizierten?

Freitag, 6. Juni 2008

Wer im Alter Golf spielt, hat eine höhere Lebenserwartung

...berichtete gestern (5.6.2008) "Heute", Wiener U-Bahnzeitung. Doch diese Meldung ist in schlechter Gesellschaft von vielen anderen statistischen Übungen, die den Menschen glauben machen, dass es genügt, einer Gruppe anzugehören und damit die Vorteile dieser Gruppe beanspruchen zu können. Die Frage ist aber, ob der festgestellte Zusammenhang wirklich Ursache und Wirkung vergleicht. Die in "Heute" zitierte Studie belegt, dass Golfer durchschnittlich 5 Jahre länger leben.


Genau so ergeht es jenen Weinkonsumenten, die genau ein Achterl Rotwein pro Tag trinken aber auch jenen, die einer gehobenen Bildungsschicht angehören oder jenen, die Schi fahren. Wenn man durch Verhaltensänderung dafür sorgt, dass man in diese Gruppen fällt, ist ein biblisches Alter ja fast schon sicher. Oder doch nicht?

Mir scheint, dass hier Legionen von Soziologie-Studenten Praktikumsarbeiten, Diplomarbeiten oder sogar mehr abliefern, mit dem Auftrag irgend einer Lobby, Zusammenhängen auf den Grund zu gehen.

Voriges Jahr gab es doch tatsächlich bei Hofer ein Set für Golfer! Diese Investition, gemeinsam mit einer Mitgliedschaft in einem Golf-Club sollte also gereicht haben, das Leben um 5 Jahre zu verlängern! 

Ich vermute dagegen, dass man hier eine Fehlbeurteilung begeht. Nicht, dass diese Untersuchung nicht stimmen sollte, vielmehr untersucht sie ein Symptom und geht nicht der Ursache auf den Grund.

Wer sind denn die Golfspieler? Das sind Menschen, die es geschafft haben, die sich diesen Sport leisten können, die sich in dem gesellschaftlichen Biotop der Reichen bewegen wollen und können. Menschen, die auf ihre Gesundheit achten, die sich das auch leisten können. 

Diese Gruppe hat aber ganz unabhängig vom Golf eine höhere Lebenserwartung, was man aus viel grundlegenderen Studien weiß. Wenn man daher gleichzeitig annimmt, dass eben Golfer zur sozialen Oberschicht gehören und diese Oberschicht eben mehr auf ihre Gesundheit schaut und sich das auch leisten kann, dann ist ja diese Untersuchung leicht vorherzusagen.

Wenn sich also ein weniger gebildeter, weniger wohlhabender Mensch auf einen Golfplatz verirrt und glaubt jetzt irgendwo dazuzugehören und vielleicht auch, dass er jetzt damit eine höhere Lebenserwartung haben wird, der irrt sich. Denn die Lebenserwartung wird nur am Rande durch das Golfen viel mehr aber durch die sonstigen Lebensumstände beeinflusst.

Die höchste Lebenserwartung für Männer in Europa ist übrigens in San Marino. Männer, auf nach San Marino, oder vielleicht doch nicht? Besser wäre es, gesund zu leben!

Dienstag, 6. Mai 2008

Pantheisums - Panentheismus

Wortklaubereien


Wenn der Pantheismus sagt, Gott wäre alles, dann schließt der Begriff das Universum und eben alles darüber hinaus Gehende ein. 

Der Panentheisums sagt, dass in Gott alles enthalten sei.

Der Unterschied besteht darin, dass die Aussage "Gott ist Alles" keine weitere Instanz benötigt, aber "In Gott ist Alles" besagt, dass neben Allem auch noch Gott sein muss. Gott wäre dann mehr als Alles. Das ist aber ein Widerspruch.

Kreation aus dem Nichts

Die letzte Bastion Gottes ist der Umstand, dass auch bei Klärung der letzten evolutorischen Fragen immer noch die Frage bleibt, woher denn all die ursprüngliche Energie käme. Aber auch für dieses Rätsel haben Kosmologen eine Antwort parat.


Das Nichts ist ein sehr schwieriger Begriff, weil es das in dieser Welt nicht gibt. Raum entsteht durch Materie und Leeren Raum gibt es nicht, denn auch dort gibt es Quantenfluktuationen. Das Nichts wäre also etwas, das vor dem Beginn des Universums bestanden haben kann und sich nach dessen Ende wieder einstellt. Eine aktuelle Sicht der Entstehung und dem Ende des Universums meint übrigens, dass der Spruch: "Creatio ex Nihilo", "Schöpfung aus dem Nichts" der Genesis sehr nahe kommt, wenn auch sich Nicht-Kosmologen das derzeit noch schwer vorstellen können.

Aus dem Schlusswort von "Das Schicksal des Universums", Günther Hasinger, C.H. Beck.

Gott ist ein Konstrukt des Menschen

Warum sind Götter praktisch allen Völkern wichtig? Ist es die intuitive Erkenntnis, dass dem Menschen eine objektive Sicht der Welt ewig vorenthalten bleiben wird, weil er Teil der Welt ist?

Bei einem unserer Spaziergänge ist mir ein Umstand aufgefallen, der für mich neu war aber nach einiger Suche sich als schon sehr alt herausgestellt hat: 

Gott ist eine Kreation des Menschen. 

Unsere eigene Religion zeigt das besonders plastisch. Der Mensch hat Gott nach seinem Ebenbild erschaffen (obwohl der biblische Ausspruch diesen Umstand gerade umkehrt). 

Gott ist jener Standpunkt, der uns als Mensch verwehrt bleiben muss, jener, der über unser eigenen Einsicht liegt. Also nichts Materielles, sondern nur etwas auf den Menschen bezogenes. Ohne Mensch, kein Gott. Das Universum braucht Gott nicht, wir brauchen Gott.


Bild aus eine Byte Cover von Robert Tinney

Das obige Bild zeigt, wie eine Schöpfung auf den Schöpfer zurückwirkt, egal, wer der Schöpfer ist. Was immer wir erfinden, es wirkt auf uns selbst zurück. Autos, Handies, Computer, Gott. Das Bild ist übrigens ein Coverbild der frühen Computerzeitschrift Byte von Robert Tinney. http://www.tinney.net/

Wir brauchen Gott, um jenen Standpunkt zu erkennen, den wir selbst nicht einnehmen können, weil wir Teil des Systems sind. Während wir folgenden Satz nicht sagen können: "Alle Menschen sind Lügner.", kann Gott das sehr wohl.

Dienstag, 29. April 2008

Ich bin Pantheist

Theisten beziehen Gott auf den Menschen, Christen sogar als ihr Ebenbild. Ist aber alles andere, was existiert, unbeseelt? Was ist die Seele aller Dinge?


Wikipedia: Pantheismus (griechisch pan = „alles, ganz“; theós = „Gott“) bedeutet, die Gottheit bzw. „das Göttliche“ in allen Erscheinungen der Welt zu sehen (Allgottglaube). Somit vertritt der Pantheismus die Ansicht, dass das Universum gleichbedeutend mit Gott ist.
Mir gefällt der pantheistische Ansatz sehr gut. 

Ich favorisiere das "Fiala"-Modell, bei dem die "Steuerung der Welt" durch den Zufall und durch nichts sonst erfolgt. Der Weltenlenker, den Theisten postulieren, sitzt in meinem Modell in jedem einzelnen Baustein dieser Welt, ruht auch in allen Vorgängen, die unkorreliert zueinander stehen. 

Der Name "Gott" gefällt mir nicht aber es ist kein anderer vorhanden. Des pantheistischen Gottes Eigenschaften weichen wesentlich von jenen eines theistischen Gottes ab. Zum Beispiel ist der pantheistische Gott keineswegs allwissend (was auch für die Theisten problematisch sein dürfte) oder allmächtig (denn das würde man mit einem Wollen verbinden). Ob mein Gott ewig ist, würde ich eher bezweifeln, da er an diese Welt gebunden ist und wir keine Aussagen über ein Davor oder Danach machen können. 

Die Welt wurde weder geplant noch wird sie gelenkt, niemand wird belohnt oder bestraft. Was auf dem Boden seiner Umwelt existenzfähig ist, bleibt bestehen. Viele Menschen bemühen sich, den Vorgaben eines Theistischen Gottes zu entsprechen, weil sie seine Rache (Juden), Strafe (Christen) fürchten, doch auch wenn jemand den Armen gibt, bleibt eine schwarze Seele schwarz. Alles, was wir erleben, beweist, dass menschliches Handeln und ein ersehntes Leben in keinerlei Zusammenhang stehen. Der Zufall ist unerbittlich, weil der Mensch seine langfristig ausgleichende Gerechtigkeit nicht erfahren kann, weil er nur einmal geboren wird und dann auch noch sehr kurz lebt. Seine Stärke, die Gerechtigkeit spielt aber der Zufall nur dann aus, wenn man Zeit hat; unendlich viel Zeit.

Ohne auf die Details der Weltwerdung überhaupt eingehen zu müssen, kann man mit Hilfe des Anthropischen Prinzips den Schluss ziehen, dass nicht "jemand" die Anfangsbedingungen dieser Welt so eingestellt hat, damit wir existieren können ("Gottes Plan", "Intelligent Design") sondern weil wir existieren, müssen die Anfangsbedingungen so gewesen sein, wie sie für unsere Existenz notwendig sind.

Sonntag, 27. April 2008

Hexenprozesse als eine Folge der kleinen Eiszeit

Hexenprozesse, die wir gerne im Mittelalter ansiedeln, fanden eigentlich in der beginnenden Neuzeit, bis hinein ins 18. Jahrhundert statt und verschwanden erst als die weltliche Macht der Kirche die Gerichtsbarkeit entzog.


Die Verfolgung von Hexen und Werwölfen war ein Folge der sehr schlechten Lebensumstände nach dem 30-jährigen Krieg, die durch eine Klimaverschlechterung mit Schneestürmen bis in den Juni einher gingen ("Kleine Eiszeit"). Man meinte, dass diese Umstände von Gott so gewollt waren und die Prediger zeigten einen Zusammenhang auf zwischen dem Verhalten der Menschen und den schlechten Lebensumständen und riefen dazu auf, dass die Menschen sich bessern sollten. Statt der Suche nach einer kollektiven Schuld fand man einen Ausweg in der Isolation Einzelner in Verbindung mit uralten Hexenglauben und machte diese Randgruppen für alles verantwortlich.

  • 75% der Verurteilten waren Frauen (Ausnahme: Island, dort waren es nur 25%)
  • man spricht von 60.000 Opfern
  • das Zentrum der Verfolgungen war das lutherisch-calvinistische Gebiet in Deutschland und in der Schweiz
  • die grausamsten Verfolgungen fanden in der Schweiz statt, Calvin selbst sprach sich für diese Prozesse aus. Es gab sogar Prozesse gegen Kinder, die teilweise von Kirchengesandten abgewendet werden konnten
  • die Kirchenführung in Rom war ein Gegner dieser Verfolgungen
  • Italien, Spanien waren von dieser Bewegung eher ausgenommen
  • in Russland fanden überhaupt keine solchen Prozesse statt
  • in Amerika sind nur punktuelle Prozesse bekannt, die aber die europäischen Ausmaße nie erreichen
  • die Prozesse hatten auch (oder vielleicht überwiegend) finanzielle Gründe. Überwiegend waren ältere Frauen, Witwen Opfer der Verfolgung und deren Besitz fiel in die Hände der jeweiligen Gerichtsbarkeit
  • die Opfer hatten keine Chance. Es gab (nur ein Beispiel) die Nadelprobe, bei dem der Beschuldigte mit einer Nadel in ein Muttermal gestochen wurde. Muttermale galten als Symbole des Teufels. Wenn kein Blut hervorquoll, war das ein Beweis, dass der Beschuldigte mit dem Teufel zu tun hatte. Funde zeigen aber, dass die verwendeten Nadeln bei Druck in einer Hülse verschwanden und daher der Nachweis als erbracht galt.
  • im Zuge einer Verurteilung kam es zu einer Lawine weiterer Prozesse, weil das Opfer in der Folter auch andere Personen als Hexen bezeichnete
  • Erst als man sah, dass sich diese Vergeltungsaktionen alsbald gegen seine eigenen Protagonisten richtete kam es zu einer Wende

In dieser Zeit begann sich auch die Idee der Aufklärung zu verbreiten und vielleicht gerade durch das Ansehen dieser Gräuel, d.h. Aufklärung könnte man als eine Gegenbewegung sehen, die um so stärker war, je intensiver die Hexenverfolgungen waren. Wo keine Hexenverfolgungen stattfanden, gab es auch keinen so deutlichen Anlass zur Aufklärungsbewegung (Amerika, Russland).

Wenn man daher heute von anderen Kulturen einen Prozess der Aufklärung verlangt, etwa in der Islamischen Welt, dann verlangt man etwas Unmögliches, denn so, wie es im Europa der Neuzeit war, kann man es nicht auf heutige Verhältnisse umlegen. Es sei denn, die Islamische Welt erkennt den Terrorismus als eine ähnliche Geißel an, wie die Christenwelt die Hexenverfolgungen und entwickelt daraus eine ähnliche Gegenbewegung wie seinerzeit die Aufklärer in Europa.

Sonntag, 20. April 2008

Panentheismus - Pantheismus - Panismus

Schon Giordano Bruno definierte Gott als das was allem innewohnt. Gott ist also nicht eine zusätzliche Instanz sondern ruht in allen Dingen dieser Welt. Was ist dann ein Teil dieser Welt? Ist es Gott oder nur ein Teil davon? Kann man Gott überhaupt teilen? Wenn aber Gott ohnehin alles ist; wozu bedarf es dann der zusätzlichen Bezeichnung "Gott"? Könnte man diese Weltsicht nicht einfach als "Panismus" statt Pantheismus bezeichnen?


Wegen des Rasiermessers (http://de.wikipedia.org/wiki/Ockhams_Rasiermesser) sind Erklärungsmodelle für diese Welt, die Gott als eine zusätzliche Instanz voraussetzen, um Schöpfungsvorgänge zu erklären, weniger plausibel.

Giordano Bruno hat erkannt, dass die Welt auch ohne den Menschen ganz gut existiert und dass daher Gottes Wirken sich nicht auf den Menschen beschränken kann. Ein Verzicht auf den Gottesbegriff war damals nicht denkbar, daher steckt in Pantheismus der "theos".

Dennoch steckt in dem Pantheismus eine wichtige Wahrheit: wenn es ein Gestaltungselement in dieser Welt gibt, dann muss es allen Dingen innewohnen. Jedem noch so kleinen Atom.

Und es gibt auch eine Eigenschaft, die eine solche Möglichkeit enthält. Jede simple Leuchtdiode demonstriert das. Lässt man durch die Diode Strom fließen, werden Elektronen auf ein höheres Energienivau gehoben. Sie rekombinieren dann aber nach einer Zeit wieder mit einem Loch und senden dabei ein Lichtquant aus. Wir sehen, dass die Leuchtkraft der Diode mit steigendem Strom zunimmt. Niemand aber kann für ein konkretes Elektron sagen, wann es beliebt zu rekombinieren. Niemand kann das voraussagen. Wir wissen nur, wie viele es im Mittel pro Sekunde tun.

Dasselbe kann man beim radioaktiven Zerfall beobachten. Wenn eine radioaktive Substanz eine Halbwertszeit von einem Tag hat, dann ist nach einem Tag die Hälfte des Materials zerfallen. Wieder kann aber niemand voraussagen, wann ein konkretes Atom zerfallen wird. Es kann sogar Atome geben, die auch nach einem Jahr nicht zerfallen sind obwohl alle seine Brüder das schon längst getan haben.

Die beiden Prozesse Lichtemission und radioaktiver Zerfall sind deutlich sichtbar. Ähnliche Vorgänge finden aber bei jedem Stoff statt, der eine Temperatur über dem absoluten Nullpunkt hat. 

Wenn man Atomverbunde betrachtet, findet man wieder Stochastisches. Die Brownsche Molekularbewegung ist ebenfalls ein solcher regelloser Vorgang, dem wir keinerlei Systematik abgewinnen können.

Wenn man Stoffe zusammenbringt und diese Stoffe eine chemische Reaktion eingehen, sind wir nicht in der Lage, vorauszusagen, welches Atom mit welchem anderen Atom ein Molekül bilden wird ob überhaupt. Es ist wie im Spiel wo Kinder um eine Sesselreihe tanzen aber ein Stuhl fehlt. Wenn die Musik aufhört, bleibt ein Kind übrig. Welches? Nun, bei den Kindern kann man vielleicht sagen, dass überwiegend jenes überbleibt, das am langsamsten ist oder das das Pech hat, eng bei den Nachbarn zu stehen. Aber so geht es den Atomen auch.

Wenn wir die Hierarchie der Stoffe verfolgen, sind alle sichtbaren und unsichtbaren Formen von Zufälligkeiten begleitet. Kein Stein gleicht dem anderen. Kein Baum ist wie der andere. Keine Wolke gleicht der anderen. Niemand würde das auch erwarten. Diese Vielfalt ist wunderbar, sie ist allerdings nicht Gottes sondern des Zufalls Werk.

Mathematiker würden einen fallenden Blumentopf, der jemandem auf den Kopf fällt (oder gerade nicht auf den Kopf fällt) als einen seltenen aber doch als einen Zufall bewerten und gleich damit beginnen, auszurechnen, wie häufig so etwas in einer Stadt oder gar weltweit auftreten kann.

Der betroffene Mensch, der vom Blumentopf getroffen wird (oder gerade nicht getroffen wird) sieht das (oft) anders. Er meint zum Beispiel, er habe einen Schutzengel gehabt. Er hadert mit dem Schicksal, wenn er getroffen wurde und meint, er hätte hinaufschauen sollen oder später weggehen oder deutet alles gar als eine Bestrafung Gottes oder sonst wie. Es sagt zu dme Ereignis nicht "Zufall" sondern "Fügung" oder "Schicksal".

Objektiv betrachtet ist es aber nichts als Zufall.

Was also tatsächlich in allen Dingen und Ereignissen steckt ist materialisierter Zufall.

Dass wir versuchen, den nicht vorhersagbaren Zufall in eine vorhesehbare Welt umzuwandeln und den Zufall möglichst auszusparen, macht den Zufall zwar seltener aber wir können ihn nie abschütteln.

Zufall ist etwas "Göttliches". Er ist nicht vorhersagbar. Was wäre das auch für ein Gott, könnte man in seine Karten schauen.

Viele Menschen glauben an geweihte Gegenstände, Amulette oder an die Wirksamkeit einer Reise nach Lourdes. Würden diese Dinge durch ihre Anwesenheit wirklich wirken, dann wüssten wir, wie Gott handelt. Wäre das nicht armselig? Vielmehr wirken diese Gegenstände oder Handlungen einfach durch eine Art Selbstsuggestion. Sie sind nicht schädlich, ja sogar nützlich für den Glaubenden, doch die gezogenen Schlüsse sind die falschen.

Wenn es Gott gibt, dann nur einen: den Zufall oder besser "derjenige" der ihn bewirkt. Wir wissen weder, woher er kommt noch wann und wie er entscheidet. 

Der Zufall ist allgegenwärtig. Wenn jemand sich nur auf Zufälle verlässt, kann er nicht planen. Wenn jemand hingegen alles vorausplant und diese Planungen tatsächlich perfekt befolgt, dann befindet er sich in einer statischen Welt, die sich nicht entwickeln kann. 

Wir müssen dem Zufall immer auch eine Chance geben, zu wirken. Würden wir es nicht tun, nehmen wir uns jede Entwicklungsmöglichkeit, denn er ist die alleinige Quelle von Information aus der wir schöpfen. 

Der Zufall ist unendlich gerecht. Wir haben nur das Pech, dass wir nur einmal und dann nur sehr kurz leben. Es gibt daher viele Benachteiligte und viele Bevorzugte ohne, dass diese beiden Gruppen irgendeine Schuld auf sich geladen hätten, wie das Religionen aber auch Menschen gerne sehen (Protestanten neigen zu der Ansicht, dass Reichtum gottgefällig sei).

Der Zufall ist nicht allmächtig, weil er sich an die Regeln der von ihm selbst geschaffenen Realität halten muss und daher an Variabilität ständig einbüßt. (Es kann nicht sein, dass ein Stein nach oben "fällt", denn er muss die Gesetze der Schwerkraft beachten, die er selbst durch die Raumkrümmung bei der Genesis der schweren Elemente gebildet hat.)

Dieses Weltbild kann sehr gut mit dem Pantheismus in Einklang gebracht werden. Materie, die wir als "gefrorene Energie" verstehen können, ist vielleicht Gott, und Gottes Handschrift ist der Zufall.

In welcher Relation steht ein Ding dieser Welt zur gesamten Welt? (Das ist die Relation der Strecken a1... zur Linie o.)

Der Pantheismus sagt, dass o und a1 dasselbe sei und der Panentheismus verneint das. 

  • Gott ist das Ganze.
  • Was ist dann ein Teil des Ganzen?
  • Wieder Gott oder ein Teil Gottes? Kann man Gott teilen?
  • Kann aus einem Stein wieder eine Welt werden?

Astrophysiker neigen zur Ansicht, dass die Welt eigentlich aus Nichts entstanden und wieder ins Nichts übergeht. "Von Staub bist Du genommen, zu Staub kehrst Du zurück."

So, wie man aus der Strecke a1 auf die Linie o schließen kann, kann man aus der Kenntnis der Beschaffenheit eines Steins auf das Wesen der Welt schließen aus dem er stammt. Wir müssen daher nicht die Magellansche Wolke kennen, um über ihr Wesen Bescheid zu wissen. Unser Standpunkt genügt; und jeder andere wäre auch geeignet.

Was immer Gott ist, eine Teilbarkeit und Unterteilung in Kategorien fände ich ziemlich abwertend. Zum Beispiel konstruier(t)en Theologen ganze Heerscharen von Engeln, Schutzengeln und Erzengeln und meinen auch noch zwischen guten und bösen unterscheiden zu können. Mit der Kategorisierung in Satan und Gegenspieler Gott begibt man sich in die Nähe des Taoismus und verliert den Gottesbegriff aus den Augen, weil man begonnen hat Gott zu teilen. Theisten beschreiben eher was die Welt ist, Taoisten eher, wie die Welt funktioniert. 

Einer Teilbarkeit Gottes entspricht der Teilung der Linie o in Teile a1... Und diese Teile hätten dann Teile der Eigenschaften des Ganzen aber nicht alle.

Da neige ich eher zu der Ansicht, dass jede Teillinie das Ganze repräsentiert und zwar vollständig. Man muss nicht alle a1 kennen, um o zu kennen. Ein beliebiges ai genügt. Die ai sind nicht das Selbe (sie sind nicht identisch) aber das Gleiche (keine der Strecken verfügt über Eigenschaften, über die eine andere nicht verfügt).

Mit einem Stück Stein kann ein Physiker die wesentlichen Eigenschaften dieser Welt bestimmen, egal mit welchem Stein.

Es genügt, eine einzige Zelle eines Lebewesens zu kennen, um zu wissen, von welchem Lebewesen sie stammt, weil der gesamte Aufbauplan jeder Zelle mit auf den Weg gegeben worden ist.

Gott ist jedem Element dieser Welt innewohnend, egal welches man betrachtet. 

Gott wird nicht mehr, wenn man mehrere Steine nimmt oder mehrere Blumen.

Wenn Gott nur das Ganze wäre, dann gibt es ein Teilungsproblem und ein Definitionsproblem für die Teile. Daher ist Gott wie ein Magnet. Man kann einen Magneten teilen so oft man will: es entstehen immer wieder kleine Magnete und niemals etwas anderes (gemeint ist magnetische Monopole können nicht entstehen). Würden Monopole entstehen, hätte man das Wesen Gottes geteilt.

Ich neige daher eher zum Pantheismus und nicht zum Panentheismus. 

Gott ist das jeweilige Objekt. Der Zufall ist die Handlungmaxime dieser Welt, das Prädikat Gottes. "Der Zufall ist die Handschrift Gottes."

Dieser Gott ist nichts Zusätzliches wie es beispielsweise Deisten meinen. Sondern alles was ist, ist Gott. Nur ein Sammelbegriff für alle Dinge oder einfach alles. Daher muss man nicht zum Rasiermesser greifen, es gibt nichts, was man wegschneiden könnte - es sei denn der Name.

Der Zufall ist ein immer und überall und in allen Dingen vorhandenes Phänomen, also auch nicht, was man wegschneiden könnte oder müsste.

Da im alltäglichen Sprachgebrauch Gott in den meisten Fällen als eine eigene Instanz verstanden wird, gefiele mir der Begriff "Panismus" viel besser, um zu vermeiden, dass Gott als Instanz eine Rolle spielt.

Dienstag, 8. Januar 2008

Warum ist alles wie es ist?

Das Anthropische Prinzip kehrt die Fragestellung bei der Entstehung der Welt um. Die Frage ist nicht, wer die Anfangsbedingungen so eingestellt haben kann, die es ermöglicht haben, dass wir existieren, sondern weil wir existieren, müssen die Bedingungen dereinst genau so gegeben gewesen sein und die Frage ist, welche Kriterien zu gerade dieser Auswahl geführt haben könnten.


Dass unser Raum und damit die darin enthaltene Masse beschränkt ist, hängt mit der Entstehung des Raumes von 13 Milliarden Jahren zusammen und der folgenden Ausdehnung, die kein Ende zu haben scheint. Innerhalb des bekannten Raumes gibt es als Anomalien schwarze Löcher, die so schwer sind, dass wir kein Licht von diesen Himmelskörpern empfangen können. Die Frage nach dem Außerhalb ist sinnlos, weil es "dort" keinen Raum gibt. Aber in unserer naiven Zählweise ist das weniger verständlich als eine jener vielen Hypothesen, die statt von einem Universum von Multiversen spricht, innerhalb eines davon wir eben beobachten. Und die Frage, welcher Schöpfer die Konstanten der Welt so genial eingestellt hat, dass wir darin existieren können, hätte dann dieselbe Antwort die jene von Darwin auf die Frage wer eigentlich so wunderbare Geschöpfe wie es Elefanten sind, geschaffen hätte: die Evolution. Allerdings nicht eine biologische sondern eine galaktische. Die Frage ist allein in beiden Fällen, beim Elefanten und auch beim Universum, wer der Selektor war oder ist, der die unglaubliche Unwahrscheinlichkeit für den Elefanten und unser Universum so stark reduziert hat, dass er/es wahrscheinlich wurde. Beim Elefanten und allen anderen biologischen Gebilden ist es die jeweilige Umwelt, die Anpassung und Selektion in eine bestimmte Richtung lenken. Wie kann es aber beim Universum gewesen sein?

Türkei europareif?

Eine Homepage eines vorarlberger Fußballklubs wurde gehackt und Terrordrohungen wurden ausgesprochen; wegen der österreichischen Haltung gegenüber Kurden. 


Ich kenne weder Türken noch Kurden persönlich - und so wie mir wird es vielen Österreichern ergehen. Wie legt man sich daher in einem solchen Konflikt fest? Warum ergreift man Partei für die eine oder andere Seite?

Ich weiß nicht, wie vielen es wie mir ergeht, dass ich mir in diesem Zusammenhang oft bewusst und öfter wahrscheinlich unbewusst die Geschichten von Karl May in Erinnerung rufe, egal ob sie historisch korrekt sind oder nicht. Aber der Autor zeichnete von den Völkern, die er beschrieb, also auch von den Kurden, immer ein sehr positives Bild. Meine Einstellung zu den Völkern des Nahen Ostens ist sicher von dieser Jugendlektüre stark beeinflusst. Und wer kennt sie nicht, die Erzählung "Durch das wilde Kurdistan".

Dazu kommt, dass man gerade als Bewohner eines kleinen Landes und gerade mit der österreichischen Vergangenheit instinktiv Sympathie für Bestrebungen zur Eigenständigkeit kleinerer Volksgruppen hegt. Denn wie leicht kann es geschehen, dass man selbst in eine ähnliche Rolle gerät wie es Kurden, Kosovo-Albanern, Kosovo-Serben, Südtirolern ... erging/ergeht und daher die eigene Reaktion nichts anderes ist als der Ausdruck dessen, dass man sich in die Rolle des jeweils schwächeren Parts versetzt. Dass es uns Österreichern gelang, einen eigenständigen und erfolgreichen Weg nach 1945 einzuschlagen, wollen wir anderen nicht vorenthalten.

Schließlich wurde ein österreichischer Lehrer am deutschsprachigen St. Georgs-Kolleg in Istanbul nach Hause (nach Österreich) geschickt weil er im Geografie-Unterricht den Begriff "Kurdistan" verwendet hat. 

Ein Nationalismus, den man bei uns nur mehr in Randgruppen kennt, der aber in diesem Fall einen ganzen Staat erfasst und der sogar mit Terror gegen andere Staaten droht, hat derzeit in Europa keinen Platz. Sollte die Türkei wirklich nach Europa wollen, dann muss sich die in unseren Augen als intolerant empfundene Haltung ändern. Ein Gradmesser dafür ist die Einstellung des türkischen Staates zur Bestrebung der Kurden nach einem wenigstens autonomen Status. 

Ab wann eine sich unterdrückt fühlende Bevölkerungsgruppe zur Gewalt greift, können wir aus unserem Blickwinkel kaum nachvollziehen. Aber als Österreicher wird man eher einer Eigenständigkeit - wessen auch immer - als seiner Unterdrückung das Wort reden. PS: Türkei 73 Mio, davon 14 Mio Kurden. Im bewaffneten Kampf zwischen dem türkischen Staat und der PKK sind bis 1999 35.000 Menschen getötet worden, größtenteils kurdische Zivilisten. (Quelle Wikipedia-> Kurden -> Tükei)

PPS: Zwar ist zwischen dem Verhindern zweisprachiger Ortstafeln und bewaffnetem Terror ein großer gradueller Unterschied aber auch über die Europareife Österreichs kann man geteilter Meinung sein.