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Sonntag, 17. August 2008

Die versunkene Welt am Strom

Wer heute das Strombad Kritzendorf besucht, braucht einige erklärende Worte, um diese Welt zu verstehen.


Gerade in den letzten Tagen habe ich ein Buch über das Dorf gelesen, in dem ich als Kind aufgewachsen bin: Kritzendorf an der Donau. Ich ging dort in den 50er- und 60er-Jahren regelmäßig ins Strombad und wunderte mich über Hunderte Kästchen, von denen nur einige wenige belegt waren. Wo waren all die Leute? 

Heute ist es mir klar: in der Zeit vor 1938 war dieses Bad ein Paradies und das Wiener Bürgertum stürmte diesen Strand an den Toren von Wien. Natürlich waren viele jüdische Familien darunter, vielleicht waren sie sogar in der Mehrzahl. Aber damals waren Juden noch kein Problem. Erst als die Nazis kamen, machte die Bewegung auch vor meinem kleinen Kritzendorf nicht halt und Schilder wie "Juden ist der Zutritt verboten" machten Schluss mit dem Paradies. Die Hüttenbesitzer wurden enteignet und kehrten nicht wieder zurück. Entweder, weil sie tot waren oder, weil sie auswandern mussten und sich nach dem Krieg eine Rückkehr nicht wieder vorstellen konnten (es gab auch keine Einladung seitens der österreichischen Regierung). 

Heute dümpelt der einst so begehrte Strand vor sich hin. Eine Welt ist versunken vor unseren Augen und niemand weiß mehr davon. 

Wer weiß noch, dass damals Linienschiffe und tolle Motorboote beim Gasthaus Lanzendörter (heute Sienel) anlegten? Wer weiß noch, dass im Pavillon den Strandbades die Wiener Symphoniker musizierten?