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Dienstag, 25. November 2008

Die Ewiggestrigen können es nicht lassen

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Man hat den Eindruck, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit in Deutschland mit deutscher Gründlichkeit und nicht mit österreichischem Augenzwinkern erfolgt. Der Sender Phoenix ist ein prominenter Beleg dafür. 

In Österreich ist man weit weniger konsequent.

Uns Österreichern kann man aber zubilligen, dass wir in unserem Land ein Element vorfinden, das es in dieser Form in Deutschland nie gegeben hat: den Anschlussgedanken, der bis in das Jahr 1848 zurückverfolgt werden kann. Damals hatte diese Idee denselben Stellenwert für die deutschsprachigen Länder der Monarchie wie die entsprechenden Ideen der Ungarn, Italiener und Tschechen. Dass sich diese Idee schließlich in einem Weltkrieg gegen andere richtete ist tragisch.

Die Aufarbeitung der NS-Zeit räumt jetzt mit beiden Ideen gleichermaßen auf: mit den Träumen vom "1000-jährigen Reich" aber auch mit den Träumen von Großdeutschland. 

Die derzeitige politische Landschaft eines vereinten Europa macht großdeutsche Ideen entbehrlich. Der "Anschluss" ist praktisch wirtschaftlich vollzogen und regt niemanden auf und wird durch die weitgehende Bewahrung der Eigenständigkeit der Nationalstaaten auch nicht so empfunden. 

Dass der wirtschaftliche Anschluss vollzogen ist, kann man am Verkauf der AUA an die Lufthansa sehen, ein Vorgang, der vor 20 Jahren nicht denkbar gewesen wäre. Dass die Eigenständigkeit gegeben ist, kann man bei jeder einschlägigen Fußballbegegnung der beiden Länder sehen. Eigentlich ein toller Erfolg der Europapolitik.

Leider wollen die Ewiggestrigen diese Realität nicht wahr haben.

Montag, 24. November 2008

Die Wahrheit in den Blondinenwitzen

Blondinenwitze gehören zu den beliebtesten Witzen. Sie übertreiben und sind daher sehr erfolgreich. Ist aber auch etwas Wahres dran? Mir fällt dazu folgendes ein:


Wenn man sich statt "Blondine" einfach einen "ansprechenden Menschen" vorstellt, den die Blondine offenbar repräsentieren soll, dann sagen uns die Psychologen ganz eindeutig, dass es diese Menschen im Leben leichter haben. Sie finden leichter einen Job, leichter einen Partner usw. 

Und die anderen? Die müssen sich mehr anstrengen, müssen besser sein, müssen mehr leisten, um denselben Erfolg zu haben.

Und das ist auch der Kern der Blondinenwitze: Jemand, der sich weniger anstrengen muss, um etwas zu erreichen, bildet die dazu notwendigen intellektuellen Fähigkeiten weniger gut aus.

In einer der letzten Folgen von "Wetten dass?" war Frau Van-der-Vaart zu Gast. Also mehr muss man dazu nicht sagen. Der personifizierte Blondinenwitz.

Und warum gibt es den Witz nicht auch für Männer, genderneutral sozusagen? Möglicherweise, weil Männer die Rolle gegenüber einer Frau gerne in der Eroberer-Rolle gesehen werden und das eben mit einer größeren Anstrengung verbunden ist. Vielleicht liegt hier auch der Urgrund der ungerechten Entlohnung für dieselbe Arbeit begraben.

Sonntag, 23. November 2008

Klöster, wozu?

Klöster gibt es in vielen Weltreligionen.


Es gibt aber Zeiten, in denen Klöster nicht nur eine Randerscheinung sind (so wie heute, hier bei uns) sondern ein wichtiger Umstand im Leben der Menschen dartstellen.

In einer der heutigen Morgensendungen von Oe1 (So. 23. Nov. 2009) wurde berichtet, dass in den 1930er-Jahren 50% der männlichen Bevölkerung der Mongolei in Klöstern gelebt hat. Dazu muss man wissen, dass die Mongolei das am dünnsten besiedelte Land der Welt ist (neben Grönland).

Das Hochland von Tibet, ebenfalls ein sehr karges Land, ist uns ebenfalls als eine Hochburg von Klöstern bekannt.

Das Christentum verzeichnet im frühen Mittelalter zahlreiche Klotergründungen. Welchen Zweck haben aber die Klöster? Die Antwort von Theologen und auch der Wikipedia ist einfach: "Ein Kloster ist eine Anlage, in der Menschen (meist Mönche oder Nonnen) in einer auf die Ausübung ihrer Religion konzentrierten Lebensweise zusammenleben."

Nun glaube ich nicht, dass Menschen eine Klosterkarriere ohne einen gewichtigen Grund akzeptieren.

Der Grund ist eine Bevölkerungszunahme, die ohne Regelung zu einer einschneidenden Versorgungsnot führen würde.

Und Klöster lösen dieses Problem in zweifacher Hinsicht:

Einerseits werden karge Ressourcen in einer kommunistischen Art und ohne Wettbewerb auf alle Mönche und Nonnen verteilt; niemand muss verhungern.

Anderseits erfolgt durch Verzicht auf Nachkommen eine natürliche Kontrolle des Bevölkerungswachstums. Mönch und Nonne werden durch die größere Nähe zu Gott entschädigt. Dieser Wert wird durch die Kirchen mit geeignetem "Marketing" als entsprechend erstrebenswert aufgebaut. Insgesamt ein friedlicher Ansatz zur Bewältigung früher demografischer Probleme.

Die wichtigste Frage beantworten aber Geschichtsbücher nicht: ist diese Wirkung des Klosterlebens auf die Bevölkerung ein von den gebildeten klerikalen Schichten geplantes Verhalten oder handelt es sich um ein sich selbst Sinn gebendes und nützliches Verhalten?

Freitag, 21. November 2008

Warum wir Einwanderer und Asylanten gut behandeln sollten

Die demografische Situation Österreichs zeichnet - ohne Einwanderung - eine alternde Bevölkerung. Mehr Jugend wäre zur Sicherung der Pensionen gefragt. Die österreichischen Familien haben zu wenig Kinder. Vorzeigebeispiele wie jenes der Rosenkranz' können nicht verallgemeinert werden. Wir brauchen daher die Zuwanderung ob wir das aus weltanschaulichen Gründen wollen oder nicht und sollten daher diese Problematik eher nüchtern betrachten.


Meine Frau und ich haben vor 21 Jahren ein Kind adoptiert und dabei unter anderem auch die Frage gestellt bekommen, wie denn das Kind sein solle und wie es nicht sein solle. Wir konnten diese Frage nicht beantworten, weil auch leibliche Eltern sich einfach nur über das Kind freuen können, und es in diesem Punkt kein Wunschkonzert gibt. Man bekommt einfach das nächste Kind in der Reihe.

Mit den Zuwanderern ist es ganz ähnlich.

In einer kürzlich veröffentlichten Zeitungsmeldung stand, dass ein bereits zwei Jahren in Australien ansässiger deutscher Arzt sein Kind nicht nachkommen lassen darf, weil es behindert ist und den australischen Staat belasten würde. Dieses Beispiel vor Augen sollte uns die Auswahl der Zuwanderer nach Brauchbarkeit wie neuzeitlicher Sklavenhandel erscheinen lassen.

Wer kennt nicht den Witz, dass man seine Kinder gut behandeln solle, denn wie würden dereinst das eigene Altersheim auswählen?

In abgewandelter Form trifft das auch für die Zuwanderer zu. Ihre Kinder werden in einigen Jahrzehnten die Hauptlast der Pensionen zu tragen haben und wir wären gut beraten, den Zuwanderern gute Behandlung sowohl in der Erstbetreuung als auch in der Ausbildung ihrer Kinder zukommen zu lassen.

Und wenn schon nicht aus allgemein humanistischen Gründen, dann wenigstens aus reiner Berechnung, damit es uns dereinst, wenn wir selbst es brauchen, es uns nicht allzu schlecht ergehe.

Donnerstag, 13. November 2008

Vorjosefinisch

Alle Menschen werden Brüder...


Unsere Europahymne ist ein letztes Signal der Aufklärung und ein Symbol für die Werte, für die Europa steht. Nach der Zeit Beethovens und Schillers werden diese Werte immer wieder durch Ewiggestrige unterwandert. Und in Österreich ist sie ganz besonders erfolgreich. Ich bin kein Weltbürger, bin ich doch eher bodenständig und doch fühle ich mich zunehmen als zu Europa gehörig. Umso mehr als in Österreich die Ewiggestrigen mehr und mehr an Boden gewinnen.

Wie modern mutet einem das Toleranzpatent Josef II. an, das den Menschen vor mehr als 200 Jahren freie Religionsausübung zusicherte. Dass dieses damals progressive Gesetz vom Volk nur mit einiger Verzögerung angenommen wurde, sieht man daran, dass es bis etwa 1850 dauerte, bis es den Protestanten gestattet wurde, eigene Kirchen zu errichten.

Heute, meint man, könnten solche Problem längst überwunden sein und da die Religionsfreiheit längst Verfassungsrang hat, sollte es in solchen Fragen keine Diskussionen mehr geben.

Leider ist das Gegenteil der Fall. Man hat den Eindruck, dass große Teile der Bevölkerung ideologisch noch in der Zeit vor der Aufklärung verhaftet sind. Das trifft sicher für evangelikale Amerikaner zu. Aber Europäer?

Große Ideen brauchen so ihre Zeit, bis sie sich durchsetzen. Man hat den Eindruck, als würden zunächst progressive Bevölkerungsschichten neue Ideen tragen und erst, wenn diese Ideen in die Lehrpläne der Schulen Einzug finden, werden die Gedanken zum Allgemeingut. Dass sie aber auch die Leitmotive des Handelns und Denkens werden, bedarf es mehr als nur einer Unterweisung. Anders ist es nicht zu erklären, dass (in einer Phoenix-Dokumentation gezeigt) es noch bis heute Menschen mit Hexenglauben gibt, dass einer durch kein Artefakt widerlegte Theorie der Evolution noch immer ein "Intelligent Design" entgegengehalten wird oder dass man es der Islamischen Glaubensgemeinschaft verbieten will, eine Moschee zu bauen, bedeutet, dass große Bevölkerungsteile viele Entwicklungen unserer Kultur zwar vielleicht in der Schule erlernt aber nicht wirklich apperzipiert haben.

Was man von rechten Politikern bei Wahlen, bei Begräbnissen und bei verschiedensten Anlässen zu hören bekommt, kratzt am Selbstverständnis unserer Verfassung, schrammt nahe an den Verfassungsbestimmungen über die Wiederbetätigung, stärkt das Auftreten rechter Hooligans in den Straßen, senkt die Hemmschwelle bei Aggressionen; es ist fast wie eine Neuverfilmung von etwas, auf das wir uns mit Grauen erinnern und das nicht wollen. Es wird geweckt, gefördert, nur, weil es eben im Menschen angelegt ist.

Vorgestern dürfen Hunderte Fans des Fußballclubs "Austria Wien" unkritisiert skandieren "Rapid verrecke". Die Rapid-Fans sind nicht viel besser, doch muss man zu deren Ehrenrettung sagen, dass es dort doch gewisse Selbstreinigungstendenzen gibt, denn das sonst gegenüber der Austria verwendete "Judenschweine" ist schon seit Jahren nicht mehr zu hören. Diese Gruppen mögen sich beschimpfen, wie sie wollen, doch gibt es eben Sager, die uns nicht gut zu Gesicht stehen. Leider begünstigt das erstaunlich lasche Verhalten auch der als verantwortungsbewusst bekannten Politiker diese Töne. Vom Bundespräsidenten abwärts wird kaum ernsthaft der Versuch unternommen, die Worte und Taten der Rechten in die Schranken zu weisen. Da kann ein Landeshauptmann ohne Konsequenzen Gesetze ignorieren, da können Landespolitiker Veranstaltungen von Künstlern absagen und definieren, was Kunst sein darf, da dürfen Politiker offen Intoleranz predigen, da stellt sich niemand gegen einen, vom Verfassungsdienst als rechtsextrem eingestuften Politiker und man hebt ihn auf einen der höchsten Positionen in diesem Land. "Wehret den Anfängen" "Principiis obsta!", so sagte es bereits Cicero und dieser Spruch ist aktueller denn je.

Montag, 3. November 2008

Der kleine Mann und das Kleinformat

Dass die Politlandschaft in Österreich so ist, wie sie ist, verdanken wir zu einem guten Teil dem Kleinformat. Es erzieht ihre Lesermassen zielsicher zum Stimmvieh der Populisten. 


Hätte ich nicht unmittelbares Anschauungsmaterial in meiner Familie, ich würde es nicht für möglich halten, was die tägliche Lektüre des Kleinformats anrichten kann. 

Während alle anderen Zeitungen versuchen, ein vielfältiges Bild von der Welt zu zeichnen aus dem Leser ein eigenes Bild machen kann, ist der Adressat des Kleinformats der "kleine Mann". Man lässt nichts unversucht, seine Ohnmacht zu betonen und gegen die da oben ins Feld zu ziehen.

Es geht gegen die Großen und Mächtigen, gegen die, die unrechtmäßig zuviel Geld kassieren, gegen die, die uns kleines Österreich bevormunden, gegen die, die sich alles richten können. Geradezu symbolisch sind die Attacken gegen die die zufälligerweise groß gewachsene Außenministerin Plassnig. Fast hat man den Eindruck, dass Sie ein Pech hat so groß zu sein, denn sie kann dadurch als Symbol für die Gegner des kleinen Mannes herhalten.

Das wichtigste an der Sache ist aber die Kleinheit des kleinen Mannes, die man nicht oft genug betonen kann. Nicht Bildung, Aufklärung, Hinführen zu mehr Toleranz, Aufgeschlossenheit werden dem Leser geboten, denn dann würde man die Leser möglicherweise an andere ebenso lesenswerte Produkte verlieren, vielleicht auch an ein Buch oder einen guten Fernsehsender. Nein, wichtig ist, den kleinen Mann auch wirklich klein zu halten, damit die Leserzahl sich ja nicht verringern möge.

Diese Ohnmacht treibt die Leser dann in Scharen zu den im Gleichklang posaunenden Populisten der Rechten und neuerdings auch der Linken, jedenfalls jener Linken, der das Geschrei der Rechten denn doch zu aggressiv ist, die aber doch auch ein wenig dagegen sein wollen. Gegen was? Ach ja, gegen die EU. Eine solch breite Basis wie sie das Kleinformat hat, würde sich jede Massenpartei wünschen.

Kaum ein Ansatz im Kleinformat, der den handelnden Personen einräumt, dass die Probleme der heutigen Zeit sehr komplex sind, und allein durch das Dagegensein nicht zu lösen sind. Dass die EU Akzeptanzprobleme hat, dürfte ja allen klar sein. Was allerdings eine Volksabstimmung gegen die EU dazu Konstruktives beitragen würde, kann niemand sagen. 

Vielleicht wird man sich ja beim Kleinformat wieder neu orientieren müssen, denn das trotzige Nein der Iren könnte von diesen bald in ein Ja umgewandelt werden und frühere Gegner des Euro wie Dänemark und Schweden erwägen bereits einen Schwenk.

Ironischer Weise spielt der Roman "Kleiner Mann, was nun?" von Hans Fallada, der vermutlich der Namensgeber zum vielzitierten "Kleinen Mann" ist, in der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre, also im tragischen Vorläufer der heutigen Weltwirtschaftskrise.

Es ist nur zu hoffen, dass die Menschen aus den damaligen Ereignissen gelernt haben, und dass die damalige Konsequenz, nämlich der zweite Weltkrieg heute entbehrlich ist. Eine Voraussetzung dafür scheint mir aber zu sein, dass der kleine Mann sich seiner Stärke bewusst wird und sich nicht vom Kleinformat in seiner Kleinheit bestätigen lässt, sondern an Stärke gewinnt und vielleicht auch einmal ein Großformat zur Hand nimmt.

Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile.

Menschen neigen dazu anzunehmen, dass es im Hintergrund unbekannte Mächtige gibt, die genau das beobachtete Szenario komplexer Systeme herbeiführen. Gottesglaube hat lange Tradition und sitzt tief. Dass aber komplexe Systeme ihr Verhalten ganz ohne weiteres Zutun einstellen und wir oft die Rolle des ohnmächtigen Zauberlehrlings einnehmen, kann man auch an der aktuellen Finanzkrise beobachten. 


"Es ist alles sehr kompliziert." Diese damals als naiv empfundene Einsicht von Bundeskanzler Fred Sinowatz ist ein sehr wahrer Satz. Er zeigt, wie gering der Beitrag auch der Mächtigsten zur Beeinflussung des Staatswesens ist.

Beispielsweise sind der Stoffwechsel, die Alterung, die Technik, die Wissenschaften, die Politik und schließlich auf das Geldwesen sehr komplexe Gebilde, die aufwändige Studien erfordern, um sie wenigstens teilweise verstehen zu können.

Und dennoch werden diese Systeme durch vergleichsweise einfache Parameter gesteuert. Markus Hengstschläger erklärt uns in deinem Buch "Endlich Unendlich", dass es zwar sehr rühmlich ist, alle genetischen Zusammenhänge des Alterns zu verstehen; es genügt aber eine einfache Verhaltensweise, nämlich eine Art asketischer Lebensstil, um seine eigene Lebenszeit erheblich zu erweitern - wenigstens statistisch.

Es gilt ein plakativer aber vielfach richtiger Grundsatz: das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Viele Teile, die in ihrem Verhalten genau bekannt sind, können in Verband vieler solcher Teile verblüffende neue Eigenschaften entwickeln, die nicht von vornherein vorhersagbar sind. Die Summe der Teile bekommt Eigenschaften, die vorher nicht vorhanden waren und auch eine Art Seele für etwas, was es gar nicht gibt, weil es ja nur die Teile real gibt. 

Beispiele

Wer könnte aus dem Verhalten einer einzelnen Sardine im Aquarium erahnen, was ein Heringsschwarm vermag. Die Aufnahmen der Bewegung eines Heringsschwarms lassen den Laien vermuten, dass es da irgendwo in diesem Schwarm einen Kommandanten gibt, der das Ganze befehligt. So, wie man bei der Finanzmisere vermutet, es gäbe da und dort die Dunkelmänner, die uns das Geld wegnehmen oder so, wie man annimmt, alles Existente müsse von jemand geschaffen worden sein. Doch die Bewegung des Heringsschwarms beruht auf der Anwendung zweier ganz einfacher Regeln, die alle Fische ohne tiefere Einsicht befolgen: die erste ist die, sich so zu bewegen, wie der Vordermann; die zweite ist die, eine Bewegung des Nachbarn unmittelbar nachzuvollziehen. Das hat zur Folge, dass ein am Rand schwimmender Hering, der eine Gefahr sieht und instinktiv ausweicht, diese Bewegung auf den ganzen Schwarm überträgt. Im Geldgeschäft kann man ein solches Verhalten auch beobachten, wenn nämlich ein Kursabfall (oder -anstieg) beobachtet wird, dann reagieren alle an der Börse arbeitenden Computer ganz ähnlich und führen zu überraschenden Kurseskapaden, eine Art Überreagieren. Kleine Ursachen, große Wirkungen.

Warum soll das beim Geldwesen viel anders sein? Wo liegt beim Geldwesen der Wurm begraben, der solche Kursverluste wie eben jetzt möglich macht? Welches einfache Lenkungsinstrument könnte helfen, Katastrophen wie die Finanzkrise zu vermeiden? Keine komplizierten Mechanismen, wie zum Beispiel einen Welt-Finanziminister, nein, ein dem Prinzip der Gewinnmaximierung entgegengerichtetes Instrument einfacher Bauart, das Blasen wie die der Tulpenzwiebeln, der Technologien, der Immobilien verhindert.

Alle wissen, dass man mit höheren Gewinnversprechungen auch ein höheres Risiko eingeht. 

Die besten Köpfe steuern den Kapitalmarkt und trotzdem haben sie das gemeinsame Schiff an gefährliche Untiefen gesteuert, und alle unsere Werte sind jetzt bedroht. Wie konnte das passieren?

Der Grund dürfte sein, dass zwar jeder Einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten Entscheidungen trifft aber das Gesamtsystem keinen solchen Steuermann hat und eigenständig und unerbittlich alle Einzelfehler bestraft. So, wie ein Ökokollaps in düsteren Prognosen die schlussendliche Antwort des Planeten auf unser Handeln haben kann.

Die Steuermänner des Finanzsystems wenden die Regeln des Finanzmarktes auf alle Geldgeschäfte an: hoher Ertrag bedingt hohes Risiko und geringer Ertrag birgt geringes Risiko. Ihr Fehler ist, dass sie sich selbst von dieser Regel ausnehmen und das Wort "Verantwortung" nur ein Lippenbekenntnis ist und praktisch nie wirklich umgesetzt wird.

Im Profisport, in Wirtschaft, in der Kunst und auch im Finanzgeschäft werden Gehälter auf einem für Normal-Sterbliche unverständlichen Markt ermittelt. Ronaldo, ein Fußballer bei Manchester United verdient an einem Tag soviel, wie ich in 18 Monaten an Pension bekomme, nämlich 36.000 Euro. Herr Generaldirektor Treichl verdient vergleichsweise nur etwa ein Drittel. Es gibt sogar Manager, die behaupten, doch auch ordentlich für das Geld zu arbeiten. Ein Hohn für andere Sterbliche, die sich für ihre Firma zerreißen und sich mit einem bescheidenen Gehalt zufrieden geben müssen. 

Das einzige, was man dieser Ungleichheit entgegenhalten könnte, ist, dass ja der Herr Generaldirektor eine viel höhere Verantwortung trägt und viel weitreichendere Entscheidungen trifft.

Was aber leider die Regel ist, dass die Manager (oder auch Fußballstars) auch dann ihren Gehalt oder ihre Pension ausbezahlt bekommen, wenn sie ihr Schiff geradezu versenken. 

Wenn wir aber das Prinzip des Geldgeschäfts hier anwenden, können wir die Worthülse "Verantwortung" mit Leben erfüllen. Während beim weniger verantwortungsvollen Posten das Gehalt eine fixe Größe ist und bestenfalls mit den jährlichen Gehaltsverhandlungen steigt, ist ein höheres Gehalt an ein höheres Risiko für den Arbeitnehmer gebunden. Was übersetzt heißt, dass eine weniger erfolgreiche Bilanz auch einen Kurssturz beim Gehalt zur Folge hat. 

Ob das die Finanzkrise verhindert hätte? Vielleicht ist Herr Treichl ein schlechtes Beispiel, weil man ihm persönlich ja keineswegs nachsagen kann, seine Bank etwa unseriös geführt zu haben; dazu sind die präsentierten Quartalszahlen viel zu gut. Man ist aber erstaunt, dass er anlässlich der Annahme der staatlichen Hilfe bei der Eigenkapitalbildung sagt, die Bank würde sich wieder mehr auf das Kerngeschäft konzentrieren, was bedeutet, das Verleihen von Geld, das man von Sparern bekommt. Indirekt wird hier zugegeben, dass spekulative Geschäfte mit unklaren Werten auch bei der Erste Bank üblich waren, nur sind diese - anders als bei der BAWAG - nicht weiter aufgefallen.

Eine gelebte Verantwortung für das eigene Handeln würde bei Geschäften eine höhere Sorgfalt bewirken, weil das eigene Wohl mit dem der Firma enger verbunden wäre.

Und was bei den Managern so ist, sollte natürlich auch bei den Fußballern und sonstigen Stars der Fall sein. Diese astronomischen Gehälter sind leicht geeignet, Vereine in den Ruin zu treiben, weil ein Versagen der Mannschaft keinerlei Einfluss auf deren Gehälter hat, wohl aber auf die Finanzen des Vereins durchschlägt.

Da es sich in den beiden Fällen aber um einen Markt handelt, ist es einer einzelnen Firma oder einem einzelnen Fußballverein unmöglich, auszuscheren. Hier sind übergeordnete Regeln erforderlich, die im Vertragswesen generell angewendet werden müssen. Das wieder bedeutet nicht, dass die Manager weniger bekommen sollen, sondern nur, dass ihr Gehalt vom Erfolg des Unternehmens abhängig ist.

Es bedeutet, dass Manager bei Geschäften aller Art eine höhere Sorgfalt anwenden würden, es bedeutet, dass Fußballspieler kein Spiel auf die leichte Schulter nehmen werden, wie man das oft bei so genannten Profis beobachten kann.

Gelebte Verantwortung müsste bedeuten, dass jene, die die Weltwirtschaft an den Abgrund einer Weltwirtschaftskrise gelenkt haben, nicht dieselben sein können, die die Regeln für eine "Weltwirtschaft neu" aufstellen können.