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Montag, 3. November 2008

Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile.

Menschen neigen dazu anzunehmen, dass es im Hintergrund unbekannte Mächtige gibt, die genau das beobachtete Szenario komplexer Systeme herbeiführen. Gottesglaube hat lange Tradition und sitzt tief. Dass aber komplexe Systeme ihr Verhalten ganz ohne weiteres Zutun einstellen und wir oft die Rolle des ohnmächtigen Zauberlehrlings einnehmen, kann man auch an der aktuellen Finanzkrise beobachten. 


"Es ist alles sehr kompliziert." Diese damals als naiv empfundene Einsicht von Bundeskanzler Fred Sinowatz ist ein sehr wahrer Satz. Er zeigt, wie gering der Beitrag auch der Mächtigsten zur Beeinflussung des Staatswesens ist.

Beispielsweise sind der Stoffwechsel, die Alterung, die Technik, die Wissenschaften, die Politik und schließlich auf das Geldwesen sehr komplexe Gebilde, die aufwändige Studien erfordern, um sie wenigstens teilweise verstehen zu können.

Und dennoch werden diese Systeme durch vergleichsweise einfache Parameter gesteuert. Markus Hengstschläger erklärt uns in deinem Buch "Endlich Unendlich", dass es zwar sehr rühmlich ist, alle genetischen Zusammenhänge des Alterns zu verstehen; es genügt aber eine einfache Verhaltensweise, nämlich eine Art asketischer Lebensstil, um seine eigene Lebenszeit erheblich zu erweitern - wenigstens statistisch.

Es gilt ein plakativer aber vielfach richtiger Grundsatz: das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Viele Teile, die in ihrem Verhalten genau bekannt sind, können in Verband vieler solcher Teile verblüffende neue Eigenschaften entwickeln, die nicht von vornherein vorhersagbar sind. Die Summe der Teile bekommt Eigenschaften, die vorher nicht vorhanden waren und auch eine Art Seele für etwas, was es gar nicht gibt, weil es ja nur die Teile real gibt. 

Beispiele

Wer könnte aus dem Verhalten einer einzelnen Sardine im Aquarium erahnen, was ein Heringsschwarm vermag. Die Aufnahmen der Bewegung eines Heringsschwarms lassen den Laien vermuten, dass es da irgendwo in diesem Schwarm einen Kommandanten gibt, der das Ganze befehligt. So, wie man bei der Finanzmisere vermutet, es gäbe da und dort die Dunkelmänner, die uns das Geld wegnehmen oder so, wie man annimmt, alles Existente müsse von jemand geschaffen worden sein. Doch die Bewegung des Heringsschwarms beruht auf der Anwendung zweier ganz einfacher Regeln, die alle Fische ohne tiefere Einsicht befolgen: die erste ist die, sich so zu bewegen, wie der Vordermann; die zweite ist die, eine Bewegung des Nachbarn unmittelbar nachzuvollziehen. Das hat zur Folge, dass ein am Rand schwimmender Hering, der eine Gefahr sieht und instinktiv ausweicht, diese Bewegung auf den ganzen Schwarm überträgt. Im Geldgeschäft kann man ein solches Verhalten auch beobachten, wenn nämlich ein Kursabfall (oder -anstieg) beobachtet wird, dann reagieren alle an der Börse arbeitenden Computer ganz ähnlich und führen zu überraschenden Kurseskapaden, eine Art Überreagieren. Kleine Ursachen, große Wirkungen.

Warum soll das beim Geldwesen viel anders sein? Wo liegt beim Geldwesen der Wurm begraben, der solche Kursverluste wie eben jetzt möglich macht? Welches einfache Lenkungsinstrument könnte helfen, Katastrophen wie die Finanzkrise zu vermeiden? Keine komplizierten Mechanismen, wie zum Beispiel einen Welt-Finanziminister, nein, ein dem Prinzip der Gewinnmaximierung entgegengerichtetes Instrument einfacher Bauart, das Blasen wie die der Tulpenzwiebeln, der Technologien, der Immobilien verhindert.

Alle wissen, dass man mit höheren Gewinnversprechungen auch ein höheres Risiko eingeht. 

Die besten Köpfe steuern den Kapitalmarkt und trotzdem haben sie das gemeinsame Schiff an gefährliche Untiefen gesteuert, und alle unsere Werte sind jetzt bedroht. Wie konnte das passieren?

Der Grund dürfte sein, dass zwar jeder Einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten Entscheidungen trifft aber das Gesamtsystem keinen solchen Steuermann hat und eigenständig und unerbittlich alle Einzelfehler bestraft. So, wie ein Ökokollaps in düsteren Prognosen die schlussendliche Antwort des Planeten auf unser Handeln haben kann.

Die Steuermänner des Finanzsystems wenden die Regeln des Finanzmarktes auf alle Geldgeschäfte an: hoher Ertrag bedingt hohes Risiko und geringer Ertrag birgt geringes Risiko. Ihr Fehler ist, dass sie sich selbst von dieser Regel ausnehmen und das Wort "Verantwortung" nur ein Lippenbekenntnis ist und praktisch nie wirklich umgesetzt wird.

Im Profisport, in Wirtschaft, in der Kunst und auch im Finanzgeschäft werden Gehälter auf einem für Normal-Sterbliche unverständlichen Markt ermittelt. Ronaldo, ein Fußballer bei Manchester United verdient an einem Tag soviel, wie ich in 18 Monaten an Pension bekomme, nämlich 36.000 Euro. Herr Generaldirektor Treichl verdient vergleichsweise nur etwa ein Drittel. Es gibt sogar Manager, die behaupten, doch auch ordentlich für das Geld zu arbeiten. Ein Hohn für andere Sterbliche, die sich für ihre Firma zerreißen und sich mit einem bescheidenen Gehalt zufrieden geben müssen. 

Das einzige, was man dieser Ungleichheit entgegenhalten könnte, ist, dass ja der Herr Generaldirektor eine viel höhere Verantwortung trägt und viel weitreichendere Entscheidungen trifft.

Was aber leider die Regel ist, dass die Manager (oder auch Fußballstars) auch dann ihren Gehalt oder ihre Pension ausbezahlt bekommen, wenn sie ihr Schiff geradezu versenken. 

Wenn wir aber das Prinzip des Geldgeschäfts hier anwenden, können wir die Worthülse "Verantwortung" mit Leben erfüllen. Während beim weniger verantwortungsvollen Posten das Gehalt eine fixe Größe ist und bestenfalls mit den jährlichen Gehaltsverhandlungen steigt, ist ein höheres Gehalt an ein höheres Risiko für den Arbeitnehmer gebunden. Was übersetzt heißt, dass eine weniger erfolgreiche Bilanz auch einen Kurssturz beim Gehalt zur Folge hat. 

Ob das die Finanzkrise verhindert hätte? Vielleicht ist Herr Treichl ein schlechtes Beispiel, weil man ihm persönlich ja keineswegs nachsagen kann, seine Bank etwa unseriös geführt zu haben; dazu sind die präsentierten Quartalszahlen viel zu gut. Man ist aber erstaunt, dass er anlässlich der Annahme der staatlichen Hilfe bei der Eigenkapitalbildung sagt, die Bank würde sich wieder mehr auf das Kerngeschäft konzentrieren, was bedeutet, das Verleihen von Geld, das man von Sparern bekommt. Indirekt wird hier zugegeben, dass spekulative Geschäfte mit unklaren Werten auch bei der Erste Bank üblich waren, nur sind diese - anders als bei der BAWAG - nicht weiter aufgefallen.

Eine gelebte Verantwortung für das eigene Handeln würde bei Geschäften eine höhere Sorgfalt bewirken, weil das eigene Wohl mit dem der Firma enger verbunden wäre.

Und was bei den Managern so ist, sollte natürlich auch bei den Fußballern und sonstigen Stars der Fall sein. Diese astronomischen Gehälter sind leicht geeignet, Vereine in den Ruin zu treiben, weil ein Versagen der Mannschaft keinerlei Einfluss auf deren Gehälter hat, wohl aber auf die Finanzen des Vereins durchschlägt.

Da es sich in den beiden Fällen aber um einen Markt handelt, ist es einer einzelnen Firma oder einem einzelnen Fußballverein unmöglich, auszuscheren. Hier sind übergeordnete Regeln erforderlich, die im Vertragswesen generell angewendet werden müssen. Das wieder bedeutet nicht, dass die Manager weniger bekommen sollen, sondern nur, dass ihr Gehalt vom Erfolg des Unternehmens abhängig ist.

Es bedeutet, dass Manager bei Geschäften aller Art eine höhere Sorgfalt anwenden würden, es bedeutet, dass Fußballspieler kein Spiel auf die leichte Schulter nehmen werden, wie man das oft bei so genannten Profis beobachten kann.

Gelebte Verantwortung müsste bedeuten, dass jene, die die Weltwirtschaft an den Abgrund einer Weltwirtschaftskrise gelenkt haben, nicht dieselben sein können, die die Regeln für eine "Weltwirtschaft neu" aufstellen können.