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Montag, 3. November 2008

Der kleine Mann und das Kleinformat

Dass die Politlandschaft in Österreich so ist, wie sie ist, verdanken wir zu einem guten Teil dem Kleinformat. Es erzieht ihre Lesermassen zielsicher zum Stimmvieh der Populisten. 


Hätte ich nicht unmittelbares Anschauungsmaterial in meiner Familie, ich würde es nicht für möglich halten, was die tägliche Lektüre des Kleinformats anrichten kann. 

Während alle anderen Zeitungen versuchen, ein vielfältiges Bild von der Welt zu zeichnen aus dem Leser ein eigenes Bild machen kann, ist der Adressat des Kleinformats der "kleine Mann". Man lässt nichts unversucht, seine Ohnmacht zu betonen und gegen die da oben ins Feld zu ziehen.

Es geht gegen die Großen und Mächtigen, gegen die, die unrechtmäßig zuviel Geld kassieren, gegen die, die uns kleines Österreich bevormunden, gegen die, die sich alles richten können. Geradezu symbolisch sind die Attacken gegen die die zufälligerweise groß gewachsene Außenministerin Plassnig. Fast hat man den Eindruck, dass Sie ein Pech hat so groß zu sein, denn sie kann dadurch als Symbol für die Gegner des kleinen Mannes herhalten.

Das wichtigste an der Sache ist aber die Kleinheit des kleinen Mannes, die man nicht oft genug betonen kann. Nicht Bildung, Aufklärung, Hinführen zu mehr Toleranz, Aufgeschlossenheit werden dem Leser geboten, denn dann würde man die Leser möglicherweise an andere ebenso lesenswerte Produkte verlieren, vielleicht auch an ein Buch oder einen guten Fernsehsender. Nein, wichtig ist, den kleinen Mann auch wirklich klein zu halten, damit die Leserzahl sich ja nicht verringern möge.

Diese Ohnmacht treibt die Leser dann in Scharen zu den im Gleichklang posaunenden Populisten der Rechten und neuerdings auch der Linken, jedenfalls jener Linken, der das Geschrei der Rechten denn doch zu aggressiv ist, die aber doch auch ein wenig dagegen sein wollen. Gegen was? Ach ja, gegen die EU. Eine solch breite Basis wie sie das Kleinformat hat, würde sich jede Massenpartei wünschen.

Kaum ein Ansatz im Kleinformat, der den handelnden Personen einräumt, dass die Probleme der heutigen Zeit sehr komplex sind, und allein durch das Dagegensein nicht zu lösen sind. Dass die EU Akzeptanzprobleme hat, dürfte ja allen klar sein. Was allerdings eine Volksabstimmung gegen die EU dazu Konstruktives beitragen würde, kann niemand sagen. 

Vielleicht wird man sich ja beim Kleinformat wieder neu orientieren müssen, denn das trotzige Nein der Iren könnte von diesen bald in ein Ja umgewandelt werden und frühere Gegner des Euro wie Dänemark und Schweden erwägen bereits einen Schwenk.

Ironischer Weise spielt der Roman "Kleiner Mann, was nun?" von Hans Fallada, der vermutlich der Namensgeber zum vielzitierten "Kleinen Mann" ist, in der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre, also im tragischen Vorläufer der heutigen Weltwirtschaftskrise.

Es ist nur zu hoffen, dass die Menschen aus den damaligen Ereignissen gelernt haben, und dass die damalige Konsequenz, nämlich der zweite Weltkrieg heute entbehrlich ist. Eine Voraussetzung dafür scheint mir aber zu sein, dass der kleine Mann sich seiner Stärke bewusst wird und sich nicht vom Kleinformat in seiner Kleinheit bestätigen lässt, sondern an Stärke gewinnt und vielleicht auch einmal ein Großformat zur Hand nimmt.