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Donnerstag, 13. November 2008

Vorjosefinisch

Alle Menschen werden Brüder...


Unsere Europahymne ist ein letztes Signal der Aufklärung und ein Symbol für die Werte, für die Europa steht. Nach der Zeit Beethovens und Schillers werden diese Werte immer wieder durch Ewiggestrige unterwandert. Und in Österreich ist sie ganz besonders erfolgreich. Ich bin kein Weltbürger, bin ich doch eher bodenständig und doch fühle ich mich zunehmen als zu Europa gehörig. Umso mehr als in Österreich die Ewiggestrigen mehr und mehr an Boden gewinnen.

Wie modern mutet einem das Toleranzpatent Josef II. an, das den Menschen vor mehr als 200 Jahren freie Religionsausübung zusicherte. Dass dieses damals progressive Gesetz vom Volk nur mit einiger Verzögerung angenommen wurde, sieht man daran, dass es bis etwa 1850 dauerte, bis es den Protestanten gestattet wurde, eigene Kirchen zu errichten.

Heute, meint man, könnten solche Problem längst überwunden sein und da die Religionsfreiheit längst Verfassungsrang hat, sollte es in solchen Fragen keine Diskussionen mehr geben.

Leider ist das Gegenteil der Fall. Man hat den Eindruck, dass große Teile der Bevölkerung ideologisch noch in der Zeit vor der Aufklärung verhaftet sind. Das trifft sicher für evangelikale Amerikaner zu. Aber Europäer?

Große Ideen brauchen so ihre Zeit, bis sie sich durchsetzen. Man hat den Eindruck, als würden zunächst progressive Bevölkerungsschichten neue Ideen tragen und erst, wenn diese Ideen in die Lehrpläne der Schulen Einzug finden, werden die Gedanken zum Allgemeingut. Dass sie aber auch die Leitmotive des Handelns und Denkens werden, bedarf es mehr als nur einer Unterweisung. Anders ist es nicht zu erklären, dass (in einer Phoenix-Dokumentation gezeigt) es noch bis heute Menschen mit Hexenglauben gibt, dass einer durch kein Artefakt widerlegte Theorie der Evolution noch immer ein "Intelligent Design" entgegengehalten wird oder dass man es der Islamischen Glaubensgemeinschaft verbieten will, eine Moschee zu bauen, bedeutet, dass große Bevölkerungsteile viele Entwicklungen unserer Kultur zwar vielleicht in der Schule erlernt aber nicht wirklich apperzipiert haben.

Was man von rechten Politikern bei Wahlen, bei Begräbnissen und bei verschiedensten Anlässen zu hören bekommt, kratzt am Selbstverständnis unserer Verfassung, schrammt nahe an den Verfassungsbestimmungen über die Wiederbetätigung, stärkt das Auftreten rechter Hooligans in den Straßen, senkt die Hemmschwelle bei Aggressionen; es ist fast wie eine Neuverfilmung von etwas, auf das wir uns mit Grauen erinnern und das nicht wollen. Es wird geweckt, gefördert, nur, weil es eben im Menschen angelegt ist.

Vorgestern dürfen Hunderte Fans des Fußballclubs "Austria Wien" unkritisiert skandieren "Rapid verrecke". Die Rapid-Fans sind nicht viel besser, doch muss man zu deren Ehrenrettung sagen, dass es dort doch gewisse Selbstreinigungstendenzen gibt, denn das sonst gegenüber der Austria verwendete "Judenschweine" ist schon seit Jahren nicht mehr zu hören. Diese Gruppen mögen sich beschimpfen, wie sie wollen, doch gibt es eben Sager, die uns nicht gut zu Gesicht stehen. Leider begünstigt das erstaunlich lasche Verhalten auch der als verantwortungsbewusst bekannten Politiker diese Töne. Vom Bundespräsidenten abwärts wird kaum ernsthaft der Versuch unternommen, die Worte und Taten der Rechten in die Schranken zu weisen. Da kann ein Landeshauptmann ohne Konsequenzen Gesetze ignorieren, da können Landespolitiker Veranstaltungen von Künstlern absagen und definieren, was Kunst sein darf, da dürfen Politiker offen Intoleranz predigen, da stellt sich niemand gegen einen, vom Verfassungsdienst als rechtsextrem eingestuften Politiker und man hebt ihn auf einen der höchsten Positionen in diesem Land. "Wehret den Anfängen" "Principiis obsta!", so sagte es bereits Cicero und dieser Spruch ist aktueller denn je.