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Montag, 21. März 2011

Gott ist Zufall

Was immer außerhalb unseres Verständnisses und außerhalb unserer Welt existiert und wie immer man es nennt. Da wir es alle miteinander nicht wissen, ist es nicht möglich, darüber eine andere als spekulative Aussage zu treffen. Ich spreche daher allen Religionen das Recht ab, es zu definieren und diese Definition dann als "wahr" zu bezeichnen.


Das nenne ich "Mein Recht auf einen persönlichen Gott"; aber nicht im Sinne, dass Gott personal ist, sondern in dem Sinne, dass ich als Person, das Recht habe, zu definieren, was Gott ist oder ob sich eine solche Definition überhaupt für sinnvoll halte. 

Die moderne Gehirnforschung nimmt uns ohnehin unsere Illusion vom "freien Willen" aber nach meiner Ansicht, schränkt jeder Gottesbegriff den angekratzten freien Willen ein. 

Unsere Götter sind unsere eigenen Erfindungen, die uns gleich danach beherrschen. In dieser Weise unterscheiden sich Fußball, Briefmarkensammeln und Allah überhaupt nicht. Allen gemeinsam ist, dass sie nur im Kollektiv der Menschen Bestand haben. Wenn ein einzelner Mensch behauptet, er hätte einen Toten einige Tage nach seinem Tod begegnet, dann kommt er in die Psychiatrie. Wenn es aber ein Kollektiv tut und dafür sorgt, dass diese Geschichten Kindern in den ersten Lebensjahren eingeprägt werden, dann nennt man das Religion und das darf dann sogar an Schulen unterrichtet werden.

Wenn ein Außenstehender einen Fußballfan beobachtet, glaubt er, es mit einem Verrückten zu tun zu haben. Aber auch bei einem Terroristen mit Sprengstoffgürtel ist das nicht viel anders. Beide glauben.

Das Besondere am Glauben ist, dass man nicht hinterfragt, dass man nicht zweifelt. Wir müssen in praktisch allen Fragen glauben, denn wer kann schon von sich behaupten, zum Beispiel auch nur die Berechnung einer Planetenbahn nachvollzogen zu haben.

Aber wir kennen die Methode, die uns erlaubt, zwischen rationalen und irrationalen Behauptungen zu unterscheiden: den Zweifel. Die einzige Möglichkeit, zu Erkenntnisse zu bestätigen, ist Zweifel und nicht Glaube. Und zusätzlich wissen wir, dass man Gesetzmäßigkeiten dieser Welt nicht beweisen sondern nur widerlegen kann (Sir Karl Popper). Sie gelten nur so lange, bis sich eine bessere Darstellung ergibt. 

Wenn jemand behauptet, er habe ein UFO gesehen, dann sind Tausende Beobachter zur Stelle, die versuchen, diese Beobachtung ebenfalls zu machen. Gelingt es nicht, bleibt allein eine Behauptung. Man kann mit Büchern über solche Sachen viel Geld verdienen aber deswegen werden sie nicht wahrer. 

Wir müssen bereit sein, uns zu trennen, lieb gewonnenes Wissen, Verhaltensweisen, Regeln, aufzugeben, wenn es sich zeigt, dass sie nicht mehr zutreffen oder unpraktisch sind. 

Wenn es etwas wie Gott gibt, dann ziehe ich die Sichtweise des Giordano Bruno vor, der gemeint hat, dass Gott in allem ist, was diese Welt ausmacht. Gott äußert sich in jedem einzelnen Staubkorn, Baum oder Menschen. Und nicht nur im menschlichen Geist sondern auch in einem abgeschnittenen Haar oder in einem Berg.

Wir wissen heute, dass die Atome als kleinste Materiebausteine ein Verhalten haben, für das es weniger Erklärung gibt als etwa für den Urknall. Elektronen können zum Beispiel ihre Bahn wechseln und senden Wärme, Licht oder Radioaktivität aus. Das ist nichts Besonderes. Das machen aber keineswegs alle gleichzeitig. Sie machen es zufällig, irgendwann. Manche machen es nie, manche jetzt, manche später. Alle miteinander erzeugen eine bestimmte Energie. Wer aber sagt einem dieser Milliarden von Teilchen, ob und wann es die Bahn wechseln soll? Diese Teilchen hängen in keiner Weise zusammen und dennoch wirken sie im Kollektiv, so als würden sie sich absprechen. Zufall! Aber nicht ungeordnetes Chaos, denn makroskopisch betrachtet machen alle Teilchen zusammen etwas ganz Bestimmtes. Wer oder was sagt das einem bestimmten Teilchen, wer gibt das Kommando?

Verblüffend ist auch, dass die Torfolgen in Fußballspielen sich genau so verhalten, wie diese Elementarteilchen. Es gibt keinen Unterschied. Niemand kann den Zeitpunkt des nächsten Tores voraussagen und genau deshalb schauen alle so gebannt zu, weil sie es nicht wissen. Sie wissen nur, dass es passieren wird. Wie oft Tore und Gegentore fallen, hängt allein von der Spielstärke der betrachteten Mannschaft ab. Und auch (Leistungs-)Hochs und Tiefs, Spieler- oder Trainerwechsel spielen keine Rolle, die Torfolgen verhalten sich langzeitlich ganz gleich wie radioaktiver Zerfall.

Genau so ist es zum Beispiel, wenn man die Geburts- oder Sterbezeitpunkte untersucht. Niemand kennt den Zeitpunkt und dennoch folgen sie alle im Mittel einer bestimmten Rate und diese individuellen Schicksale haben miteinander vordergründig gar nichts zu tun und dennoch befolgen sie gemeinsam eine Gesetzmäßigkeit.

Bei der Toren im Fußballspiel können wir Zusammenhänge mit den Besucherzahlen, dem eingesetzten Kapital, der Vereinsorganisation herstellen, bei den Geburts- und Sterbezeitpunkten können wir Zusammenhänge zwischen dem Kulturniveau, dem Wohlstand oder der ärztlichen Versorgung herstellen. Aber beim radioaktiven Zerfall gibt es solche Abhängigkeiten nicht. Er ist einfach.

Wenn es also Gott gibt und wenn Gottes Hand im Spiel ist, dann entweder nirgends oder überall. Und wenn überall, dann muss man seine Spuren erkennen. Atomarer Zerfall, Quantenfluktuationen, Tore im Fußball, Todeszeitpunkte sind solche Ereignissen, die Gottes Handschrift sein können; sie sind durch nichts vorhersagbar.

Dass man Gottes Wirken auf einzelne schicksalhafte Ereignisse bezieht, ist völlig absurd. Also zum Beispiel das Unglück (oder das Glück), das jemanden zustößt wäre Gottes Absicht aber das Wetter von morgen (oder das Glück oder Unglück des Nachbarn) wäre dagegen reiner Zufall.

Wenn ein kranker Mensch nach Lourdes pilgert, zurückkommt und gesund wird, dann nennt die Kirche das ein Wunder. Wenn aber die vielen anderen Millionen Kranken, die nach Lourdes pilgern, zurückkommen und immer noch krank sind, dann hätten sie einfach nicht genug gebetet - oder sonst was. Die Wahrheit ist, dass Lourdes genau so heilt oder nicht heilt wie ein Placebo.

Mit der Anerkennung elementarer Zufälle als "Gottes Handschrift" hätte Giordano Brunos panthesitische Sicht der Welt dass "Gott in allen Dingen sei" eine konkrete Erklärung.

Aber wenn wir alle diese Zufälligkeiten eben als Zufall und nichts weiter betrachten, wird uns leichter sein, denn in gewisser Weise ist "jeder seines Glückes Schmied" und wir werden dann diese Verantwortung für unser persönliches Glück oder Unglück nicht Gott anlasten sondern selbst tragen lernen.

Die Religionsgemeinschaften täten gut daran, sich auf jene Aufgaben zu konzentrieren, die sie wirklich gut können und das sind die Karitativen. Die Frage nach Gott kann auch ohne Kirche jeder für sich beantworten, wie das zu seiner Persönlichkeit, Ausbildung, Wissensstand passt. Schließlich ist die Frage, ob es für unser Dasein einen Grund gibt, den wir nicht kennen, immer mit Ja zu beantworten, weil wir ja alle Aussagen darüber immer mit dem Wort "Theorie" einleiten und die Frage nach dem "Davor" eigentlich immer offen bleibt, weil wir uns eine Welt ohne Zeit gar nicht vorstellen können.

Aber ob diese unsere Existenz dann einem göttlichen Wollen unterliegt oder nicht, dass ändert dann nur mehr wenig. Denn wenn der pantheistische Ansatz, "Gott ist in Allem" gilt, dann sagt das noch nicht, ob dieser Zufall gesteuert ist oder eben Zufall ist. Gott hätte wahrhaft viel zu tun, wenn er sich um alle diese Myriaden von Zufälligkeiten "kümmern" müsste. Viel eleganter ist doch, wenn gilt "Gottes Handschrift ist der Zufall selbst".

Das Gottesbild der Kirche ist längst überholt und besteht auch nicht die kleinsten Prüfungen unserer eigenen Erfahrungen. Es wäre längst an der Zeit, deutlicher zu sagen, dass biblische Aussagen bestenfalls ein Ausgangspunkt für die eigene Orientierung aber niemals ein Dogma sein können. 

Die Geschichte mit den drei Männern am Brunnen entspringt der Hoffnung auf eine Gerechtigkeit auf dieser Welt und klingt wirklich ziemlich alt-testamentarisch.

Aber viele - auch sehr populäre - Bibelsprüche des Neuen Testaments sind ziemlich sonderbar. Zum Beispiel: "Wer nicht arbeitet, der soll auch nichts essen." Ja, was soll denn das sein! Oder: "Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist." Dieser Spruch hat jede Reaktion der Kirche auf das Hitler-Regime unterdrückt, hat Generationen von Menschen auf den Krieg für das Vaterland vorbereitet. Die Unterdrückung der Frau ist ja überhaupt ein Leitmotiv der Urkirche. Die Marienverehrung ist erst nachträglich als Korrektiv entstanden und wurde von den Protestanten wieder aus dem Glaubenskanon entfernt. 

Eine wichtige Beobachtung von Religiosität ist folgende: "Mit oder ohne Religion hätte man gute Menschen, die Gutes tun und böse Menschen, die Böses tun. Aber um zu erreichen, dass gute Menschen Böses tun, - dazu braucht man Religion."

Zufall

Religionen vermuten in zufälligen Ereignissen häufig eine Fügung oder Schicksal. Sie meinen damit, dass Gott die Dinge so laufen lässt, wie sie dann eben passieren. 

Das führt besonders im Islam zu einer fatalistischen Haltung, die das göttliche Wollen über eigene Einflussmöglichkeiten stellt. Daher verwenden diese Leute viel mehr Zeit, ihrem Gott zu huldigen als irgendwas in ihrem Leben zu verändern.

Zufall sind Ereignisse, deren Ursache wir nicht kennen, die ohne irgendeine gewollte Wirkung einfach geschehen. Zufälle, die uns selbst betreffen, nennen wir gerne "Schicksal"; Zufälle, die uns egal sind, sind eben Zufälle.

Ich meine, man sollte konsequent sein. Entweder sind alle Zufälle eben solche oder alle Zufälle sind durch eine uns unbekannte höhere Gewalt gesteuert. Alle.

Der makroskopische Zufall ("In China fällt ein Fahrrad um") macht aber auf uns nicht den Eindruck, als hätte sich "jemand" die Mühe gemacht, dieses Ereignis auszulösen, weil wahrscheinlich war ja das Fahrrad nur nicht ausreichend abgesichert und nur unachtsam wo angelehnt; daher gibt es nachvollziehbare Gründe, warum das Fahrrad umgefallen ist. 

Wenn wir aber das in China umfallende Fahrrad als "zufällig umgefallen" akzeptieren, dann sollte wir das auch bei einem persönlichen Schicksalsschlag tun (Verkehrsunfall, Erkrankung, Tod eines Angehörigen...). 

Der Verkehrsunfall hat möglicherweise einen eindeutig Schuldigen, aber meine Anwesenheit an diesem bestimmten Ort, die diesen Unfall überhaut erst möglich gemacht hat, meine Anwesenheit hat mit dem ebenso zufällig anwesenden und späteren Schuldigen nichts zu tun. Es war einfach. 

Wir können diese schrecklichen Dinge wie Unfälle, Todesfälle, Morde, Krankheiten, Kriminalität nicht grundsätzlich vermeiden sondern nur ihre Rate so weit als möglich reduzieren. 

Wenn es im Winter zu einer bösen Grippewelle kommt, und jeder 100ste erkrankt, dann ist das eine gemessene Größe. Wer konkret aber erkrankt und ob ich es bin, ist Zufall. Natürlich hängt es davon ab, in welchen Menschenansammlungen ich mich bewege und ob ich mir die Hände wasche. Aber auch wenn ich alles tue, um die Grippe zu vermeiden: sicher ist nix. Ich kann die Wahrscheinlichkeit reduzieren, an Grippe zu erkranken aber Null wird sie nicht.

Wenn ich mir als Idealzustand wünsche, dass alle diesen bösen Dinge nicht passieren mögen, dann muss man beachten, dass ohne diese Dinge wir gar nicht existieren würden, denn die gesamte Entwicklung des Lebens beruht auf der Entwicklung von Fähigkeiten, mit dem allgegenwärtigen "Bösen" umgehen zu lernen. Mit den Jahreszeiten, dem Klima, der Kälte, der Hitze, dem Recht des Anderen, den Katastrophen, dem Feind, dem Einbrecher, dem glatten Fußboden, der umfallenden Leiter, dem unaufgeräumten Schreibtisch, dem Chaos im Kopf, usw. 

Und was für uns Menschen gilt, das galt schon für das einfachste Leben auf der Erde für jene Lebensformen, die heute gar nicht mehr existieren, weil sie von höheren Lebensformen bereit eliminiert worden sind, so wie wir möglicherweise auch den Konkurrenten Neandertaler ausgerottet haben. Wenn wir uns eine Welt ohne diese bösen Sachen wünschen, dann gibt es keine weitere Entwicklung mehr, alles wäre erreicht; wir wüssten nicht, was wir zu tun haben.

Ganz anders ist das aber im atomaren Bereich. Hier passieren Dinge, die einfach passieren ohne dass wir den genauen Zeitpunkt in irgendeiner Art bestimmen können. Genaugenommen wissen wir das ja bei den Fahrrädern auch nicht. Von den - sagen wir - 100 Millionen Fahrrädern in China fällt ein bestimmter Prozentsatz, zum Beispiel 0,1%, das wären 100.000 täglich einfach um. Wir können nicht sagen, welches dieser Fahrräder und wann genau es umfallen wird. Aber wir wissen, dass es etwa 100.000 sein werden. Aber bei den Fahrräder gibt es in jedem einzelnen Fall einen konkreten Grund, wie zum Beispiel, dass die Stütze abgebrochen ist, dass jemand angestoßen ist, dass ein Windstoß das Rad umgeworfen hat usw. Genau das - einen Grund - gibt es im atomaren Bereich nicht. Wenn man eine Leuchtdiode betreibt, dann leuchtet diese. Aber was bedeutet das? Von den Milliarden Atomen passiert es bei einem Teil von ihnen, dass ein Elektron seine Bahn verändert und dabei ein Lichtquant aussendet. Im Mittel steht die Zahl dieser Atome mit dem durch die Diode fließenden Strom im Zusammenhang. Aber wer veranlasst ein bestimmtes Atom, sich so zu verhalten? Warum machen das nicht alle Atome sondern nur bestimmte? Es gibt für uns keinen Grund. 

An dieser Stelle wäre die Behauptung, Gott lenke diese Ereignisse, nicht zu widerlegen, denn wir kennen tatsächlich keinen Grund und diese Erklärung "Gott lenkt" ist genau so gut wie jede andere und genaugenommen gibt es gar keine andere.

Zufall ist ein Prinzip, dass von Anbeginn der Welt wirkt. Im Inneren der Stoffe genau so wie beim Aufbau der Sterne und ihrem Schicksal, unserem Schicksal.

Zufall hat keine Moral. Zufall will nichts. Zufall ist weder gut noch böse. Zufall ist einfach.

Ich habe den Eindruck, dass die Menschen sich nach Gott sehnen. Und dabei wäre er doch so nah, und dennoch sieht ihn niemand. Die Aussagen "Gott ist in allen Dingen", "Gott ist überall". "Gott ist allgegenwärtig", "Gott ist allmächtig" treffen in wunderbarer Weise auf Zufall zu. 

Allerdings trifft nicht zu "Gott wäre gütig oder gar gut", denn von wo soll der Zufall auch wissen, was uns passt und was nicht. Zufall ist völlig wertfrei. Er trifft nur in Summe alle gleichermaßen. Aber es ist weder ausgeschlossen, dass es Glückspilze gibt, die er mit Schaden verschont und ebenso kann es sein, dass Menschen, die ohnehin schon schwer zu tragen haben, noch eins drauf kriegen - vom Zufall.

Wenn wir aber den Zufall nicht als etwas Gewolltes akzeptieren, dann tun wir uns ein bisschen leichter ihn zu akzeptieren. Wäre er gewollt, dann folgt die Frage nach dem "Warum" auf dem Fuß. Und daraus ergibt sich der sonderbare Schluss der Religionen, es gäbe eine Art Abrechnung nach dem Tod.

Dieser Vergleich Zufall=Gott erscheint banal oder überheblich. Er erinnert aber ein bisschen an das Märchen mit dem König und den drei Töchtern, die sagen sollten, wie sehr sie ihren Vater liebten. Zwei von ihnen verglichen den Vater mit Gold und mit Edelsteinen, doch die dritte mit Salz. Es zeigte sich schließlich, dass die dritte Recht hatte und das Salz wichtiger war als die wertvollsten Dinge.

Wenn wir die Evolutionstheorie und dann auch die Evolutionäre Erkenntnistheorie betrachten, dann ist es eine Grundlage unserer Existenz, dass Zufall wirken kann und die Umgebung aus diesen zufälligen Möglichkeiten eine Auswahl trifft. Und nicht nur in der Biologie, wie Darwin es gezeigt hat. Rupert Riedl hat dieses Prinzip auf allen Ebenen der Entwicklung aufgezeigt (Sternenbildung, Planeten, Kultur, Markt, Technologie). Überall gilt, dass man dem Zufall eine Chance geben muss, damit man überhaupt einen Hinweis auf die bestehenden Möglichkeiten bekommt. 

Ein wunderbares Beobachtungsgebiet ist die Entwicklung der Technologien (Elektronik, Software, Betriebssysteme...), weil man die evolutorischen Elemente beobachten kann. Am Anfang einer neuen Entwicklung stehen immer mehrere konkurrierende Ideen und es ist ein harter Kampf zwischen den Firmen, die diese Ideen vermarkten, bis sich schließlich wenige, vielleicht nur zwei behaupten und oft gelingt dann nur einem dieser Produkte als Standard das Überleben. Der Konsument spielt mit, denn er investiert in eines der Produkte und schließt mit seinem Kauf die anderen aus. Ob er sich richtig (für den späteren Sieger) entschieden hat, weiß er nicht. 

In diesem Prozess spielen Zufälle eine herausragende Rolle, trotzdem alle Player versuchen, ihr Produkt möglichst perfekt zu positionieren. Was sie nicht wissen, ist meist, was eigentlich der Konsument als "Killerfeature" kürt. Viel wird in die Technik investiert und dann entscheidet der Konsument vielleicht nach der Farbe oder nach der Kompatibilität zu etwas, was dem Erzeuger gar nicht bewusst war. 

Beim iPhone ist es die Haptik und das Prinzip "Alles aus einer Hand", ein Stecker für alles. Apple hat es damit geschafft, dass seine Produkte in jedem modernen Auto angeschlossen werden können. Jeder Stereoanlage hat einen Anschluss für ein Apple-Gerät.

Gut und Böse

Gut und Böse sind subjektive Wertungen, die nicht absolut gelten.

Albrecht Dürer soll gesagt haben: "Ich weiß nicht, was schön ist und was gut."

Ich habe ein tolles Video gesehen, in dem ein junger Bär von einem Puma verfolgt wird. Wie man das gefilmt hat, ist mir ein Rätsel. Künstler eben.

Wenn man sich diesen Film anschaut, ist das Urteil klar: der Puma ist der Böse und das Bärenbaby das Gute. Der Drehbuchautor wollte das so. 

Die Geschichte schaut aber ganz anders aus, wenn man sehen würde, dass der Puma auch Junge zu betreuen hat und um die durchzubringen, muss er jagen; die Bärin, die am Schluss ins Bild kommt, tut es ja auch und für die Ziege, die sie gerissen hat (was man nicht sieht aber von irgendwas muss sie ja leben) war die Bärin "das Böse".

Bei uns ist das genau so. Wir haben es aber gelernt, dieses Spiel von Gut und Böse durch Interessensabwägung für alle erträglich zu machen. Der Grund ist, das wir - anders als das Tier - eine Einsicht haben und erkennen, dass unsere Handlungen auch in der umgekehrten Richtung erträglich sein müssen. Das wissen wir - spätestens seit Kant.

Ohne das "Böse" (das ist das, was wir nicht wollen), gäbe es uns gar nicht.
  • Wir brauchen das Zahnweh, damit wir erkennen, dass es gut ist, sich gesund zu erhalten.
  • Wir brauchen die Einbrecher, um zu erkennen, dass es sinnvoll ist, die Türe abzusperren.
  • Wir brauchen das schlechte Wetter, um zu wissen, dass man ein Dach über dem Kopf braucht.
  • Und der Schnee sagt uns, dass dieses Dach in unseren Breiten geneigt sein sollte.

Was immer auch ist - im Sinne von Existenz - es hat für uns praktisch immer zwei Seiten: eine gute und eine schlechte.
  • Im Wasser kann man baden oder ertrinken.
  • Mit dem Messer kann man schneiden oder zustechen.
  • Einen Berg kann man besteigen oder auch von ihm abstürzen.
  • Mit einem Auto kann man tolle Erlebnisse haben aber auch schreckliche Unfälle.
  • Wir brauchen den Tod, um uns entwickeln zu können. 

Es gibt praktisch nichts, was einfach nur gut ist; aber glücklicherweise auch nicht etwas was nur schlecht ist (es kann immerhin als abschreckendes Beispiel herhalten).

Es ist unmöglich, das Gute im Messer zu wollen ohne das Böse in ihm zuzulassen.

Ich finde nicht, dass menschliches Leid ganz zu vermeiden ist. Man bemerkt doch zum Beispiel gerade bei einer Trennung, wie wertvoll das Zusammenleben mit anderen sein kann. Wir würden das doch gar nicht schätzen, gäbe es die Möglichkeit der Trennung nicht. 

Es gibt da die wunderbare Geschichte mit dem reichen Mädchen mit den gasgefüllten Luftballons. Es bekommt beliebig viele davon und lässt sie alle aus. Daneben steht ein armes Mädchen, die gerne einen davon hätte und schließlich - nachdem das reiche Mädchen der Luftballons schon überdrüssig ist - doch einen bekommt und sich jetzt unglaublich freut, viel mehr als das reiche Mädchen, das einen Luftballon so schnell nicht wieder interessant finden wird. (gelesen von Otto Schenk).

Wie wertvoll etwas ist, erkennen wir nur durch das vermeintlich "Böse"; in der Geschichte zum Beispiel am Mangel. Nur wer nichts zu essen hat (oder den Schweinsbraten nur selten isst), der weiß wirklich, wie gut ein Schweinsbraten sein kann. Nicht aber der, der ihn täglich hat. 

Ich finde, dass das Böse auch so seine guten Seiten hat.